Murder, My Sweet (1944)

Gepostet am Aktualisiert am

USA, 92 Minuten, s/w

Studio: RKO Radio Pictures

Regie: Edward Dmytryk

Drehbuch: John Paxton

Produktion: Sid Rogell, Adrian Scott

Kamera: Harry J. Wild

Schnitt: Joseph Noriega

Musik: Roy Webb

Besetzung: Dick Powell (Philip Marlowe), Claire Trevor (Helen Grayle / Velma Valento), Anne Shirley (Ann Grayle)

In Murder, My Sweet beauftragt ein ehemaliger Häftling den Privatdetektiv Philip Marlowe seine frühere und inzwischen verschwundene Geliebte aufzuspüren. Kurz darauf erhält Marlowe den Auftrag, im Fall einer gestohlenen, sehr wertvollen Halskette zu ermitteln. Seine Recherchen führen ihn zu einem zwielichtigen Personenkreis, in dem jeder größtes Interesse an der Wiederbeschaffung des Schmucks zeigt, sodass sich Marlowe schließlich in einem Netz krimineller und sehr gefährlicher Machenschaften wiederfindet. Doch zuletzt kann Marlowe einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen erkennen und lüftet den verworrenen Plan und die Lügen einer Femme fatale.

Der Kriminalfilm Murder, My Sweet gilt als stilbildendes Beispiel des Film noir und zeichnet ein sehr düsteres und pessimistisches Bild der amerikanischen Gesellschaft:

„The disorienting angles, low-key and high-contrast lighting (…) point to a disordered and ominous world beyond control. (…) Ultimately Murder, My Sweet is the archetype for a number of films made later. The use of the femme fatale, an atmosphere of paranoia, the vulnerability of the hero, the motivation of violence, the predominance of grotesque characters, and the threatening environment all contribute to this noir ambience. There is nothing sweet in Murder, My Sweet, a film that remains not only a highly stylized and complex detective thriller but also an uncompromising vision of corruption and decay.“ (Silver/ Ward, 192 – 193)

Vor allem das Betrachten der Figuren im Film, besonders der des Protagonisten Philip Marlowe, lässt eine gesellschaftskritische Interpretation von Murder, My Sweet zu. Für Privatdetektiv Marlowe ist der Schutz von Hilflosen Motor seiner Handlungen. Dies zeigt sich zum Beispiel, als ein Mann namens Lindsay Marriott in dem Detektivbüro auf Marlowe wartet und ihm einen Auftrag anbietet. Marriott muss Nachts an einem verlassenen Ort die gestohlene Halskette der Familie Grayle wieder zurückkaufen, dabei wünscht er sich, dass Marlowe ihn begleitet. Dieser hat jedoch eigentlich gar keine Zeit für einen weiteren Fall, aber als er hört, dass ihm Marriott einhundert Dollar zahlen würde, weckt sich allmählich sein Interesse. Doch vor allem als Marriott ihm den genauen Ablauf und die Umstände des nächtlichen Geschäfts erläutert und sich dadurch Marlowe der Risiken der Geldübergabe für den Fremden bewusst wird, möchte der Detektiv den Fall sicher an sich nehmen. So nimmt Marlowe in Murder, My Sweet die Rolle eines Helden an – ein Vorbild für die amerikanische Gesellschaft.

Auf seiner Suche nach der Wahrheit von dem Verbleib des gestohlenen Schmucks und von der verschwundenen Geliebten ist Marlowe konstant von skurrilen und fragwürdigen Charakteren  umgeben – auch wird er mehrmals mit Gewalt konfrontiert. Dies vertieft die bedrückende Sicht auf die amerikanische Gesellschaft. Marlowe macht sich zum Beispiel mit dem ehemaligen Sträfling Moose Malloy auf den Weg zu einer Bar, um dort nach seiner verschwundenen Exfreundin zu suchen. Moose Malloy, ein Mann riesiger Statur, versucht durch Einschüchterung und durch seine rabiate Art die Gäste der Bar nach der verschollenen Frau zu befragen. Die Situation eskaliert, und Malloy schlägt den Barbesitzer nieder. Doch der Gewaltakt und die verängstigende Verhörtechnik von Malloy lassen keinen der Gäste erschrecken, kommentarlos wird sein Verhalten hingenommen – so zeichnet sich das Bild ab, Gewalt sei an der normalen Tagesordnung.

Auch muss Marlowe sich in Murder, My Sweet kapitalistischen Klassen- und Machtverhältnissen stellen. Schon zu Anfang macht der Privatdetektiv klar, dass er sich in keiner guten finanziellen Lage befindet. Nicht nur der Schutz von Unschuldigen, auch die Bezahlung motivieren ihn stark Aufträge anzunehmen. Aber vor allem werden die bestehenden Klassenschranken in der amerikanischen Gesellschaft sichtbar als Marlowe das Haus der Familie Grayle aufsucht – jene Familie, der die wertvolle Halskette gestohlen wurde. Das Anwesen der Familie Grayle wirkt wie ein royales Domizil, fernab einer durchschnittlichen Behausung und jeglicher Realität eines gewöhnlichen Amerikaners. Hier ist klar, für die Familie Grayle spielt Geld keine Rolle – ganz im Gegensatz zu Marlowes Leben. Auch wird die Kritik am Kapitalismus in der Figur der Hausherrin Helen Grayle verdeutlicht. Sie verkörpert das Bild einer Femme fatale, sie war einst Sängerin in einem schäbigen und zwielichtigen Nachtclub, bis sie es schaffte den wohlhabenden Greisen Grayle zu ehelichen. So verdeutlichen die in Murder, My Sweet aufgezeigten Klassenunterschiede, das Credo, Geld regiere die Welt.

Besonders die im Stil des Expressionismus gehaltenen Halluzinationsszenen – Marlowe wird auf seiner Suche nach dem gestohlenen Schmuck unter Drogen gesetzt und in einer Privatklinik festgehalten – wird die politische Tendenz des Filmes unterstrichen: So schaffen die chaotischen Bilder eine Atmosphäre der Angst und Verlorenheit und verweisen auf eine dunkle Weltsicht, gekennzeichnet durch den Zweiten Weltkrieg, Korruption und Kriminalität.

Aus der Retrospektive betrachtet, ist die sozialkritische und politische Dimension in Murder, My Sweet zu erwarten: So war er der erste von insgesamt vier gemeinsamen Filmen von Produzent Adrian Scott, Regisseur Edward Dmytryk und Drehbuchautor John Paxton. Der ein Jahr später als Murder, My Sweet erschienene Film Cornered, sowie Crossfire und So Well Remembered, beide aus dem Jahr 1947, legen ebenfalls ihr Augenmerk auf politische Themen: So behandelt der Film Crossfire zum Beispiel antisemitische Tendenzen innerhalb der USA. Der politische Gehalt der Filme überrascht nicht, schlossen sich doch Dmytryk und Scott der American Communist Party während des Zweiten Weltkrieges an und waren beide Mitglieder der Hollywood Ten (Neve, 95).

Doch ob die sozialkritische Aufladung des Films alleine Edward Dmytryk und Adrian Scott zuzuschreiben ist, ist fraglich und benötigt gesonderter Analyse. Denn Murder, My Sweet liegt die Kriminalromanvorlage Farewell, my Lovely von Raymond Chandler vor, welche schon 1942 von RKO Pictures als The Falcon Takes Over verfilmt wurde. Doch Produzent Adrian Scott und Regisseur Edward Dmytryk empfanden, dass der Film nicht sein komplettes Potenzial genutzt hatte und entschlossen sich zu einer Neuverfilmung (Phillips, 32).  An dieser Stelle bedarf es eines Vergleichs des Kriminalromans von Chandler, der ersten Verfilmung The Falcon Takes Over und Murder, My Sweet. Nur so könnte rekapituliert werden, inwieweit sich die Gesellschaftskritik in der Romanvorlage und in der Erstverfilmung schon befindet bzw. Dmytryk und Scott Murder, My Sweet zusätzlich politisch aufgeheizt haben.

Autorin: Jennifer Lenora Davis

Redaktion: Janina Hoth

Quellen:

Neve, Brian (1992): Film and Politics in America. A Social Tradition . London: Routledge.

Phillips, Gene D. (2000): Creatures of Darkness: Raymond Chandler, Detective Fiction, and Film Noir. Lexington: University Press of Kentucky.

Silver, Alan/ Ward, Elizabeth (1992): Film Noir. An Encyclopedic Reference to the American Style. Woodstock, NY: Overlook Press.

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