Inherit the Wind (1960)

Gepostet am Aktualisiert am

USA, schwarz-weiß

Sprache: Englisch

Länge: 128 Minuten

Deutscher Titel: Wer den Wind sät

Regisseur und Produzent: Stanley Kramer

Drehbuch: Nedrick Young (ursprünglich unter dem Pseudonym Nathan E. Douglas) und Harold Jacob Smith; nach dem gleichnamigen Theaterstück von 1955 von Jerome Lawrence und Robert Edwin Lee

Kamera: Ernest Laszlo

Schnitt: Frederic Knudtson

Musik: Ernest Gold

Besetzung: Spencer Tracy (Henry Drummond), Fredric March (Matthew Harrison Brady), Florence Eldridge (Sara Brady), Gene Kelly (E. K. Hornbeck), Dick York (Bertram T. Cates), Donna Anderson (Rachel Brown), Harry Morgan (Judge Mel Coffey), Claude Akins (Rev. Jeremiah Brown)

Der Lehrer Bertram Cates wird in einer kleinen Stadt im Süden der USA angeklagt, weil er seinen Schülern entgegen einem damaligen Gesetz Darwins Evolutionstheorie anstatt der biblischen Schöpfungsgeschichte beigebracht hatte. Der dreimalige Präsidentschaftskandidat und Fundamentalist Matthew Brady reist an, um für die Anklage einzutreten, und der bekannte agnostische Verteidiger Henry Drummond, Kontrahent und gleichzeitig alter Freund Bradys, übernimmt die Verteidigung Cates‘. Die Seite des Angeklagten wird zudem von dem Journalisten E. K. Hornbeck unterstützt, und so erlangt der Prozess großes nationales Aufsehen. Die Verhandlungstage, geprägt von hitzigen Streitgesprächen und Reden, enden zwar mit einem Schuldspruch, jedoch sieht sich der Richter aufgrund des großen politischen Aufsehens gezwungen, nur eine minimale Geldstrafe zu veranlassen. Brady erleidet einen Zusammenbruch und stirbt noch im Gerichtssaal.

Sowohl der Film als auch das zugrundeliegende Theaterstück orientieren sich an dem 1925 tatsächlich stattgefundenen Scopes Monkey Trial, jedoch stellen die Autoren des Dramas, Jerome Lawrence und Robert E. Lee, in einer Anmerkung im Abdruck des Stücks fest, Inherit the Wind „is not history. […] It is theatre. It is not 1925. The stage directions set the time as ‘Not long ago.’ It might have been yesterday. It could be tomorrow” (Lawrence/Lee 2003). Dies begründet auch die Namensänderungen betreffend Hauptpersonen und Ort. Lawrence stellt 1996 in einem Interview klar: “We used the teaching of evolution as a parable, a metaphor for any kind of mind control. It’s not about science versus religion. It’s about the right to think.” (zit. nach Blankenship 2001) Daraufhin lässt sich etwa auch die verzweifelte Bemerkung Rachels, der Verlobten Bertram Cates‘, deuten, dass die Frage, an was Cates glaube oder nicht glaube, „isn’t the point anymore“ (44:10). Der Scopes Monkey Trial funktioniert als Vehikel, als Parabel auf die zur Zeit der Entstehung des Stücks unternommene “Jagd“ auf Kommunisten oder dafür Verdächtigte – oft Regierungsbeamte, Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler – durch den Senator McCarthy und die zahlreichen damit verbundenen Vorladungen und Untersuchungsausschüsse. „We thought, here’s another time when there was a corset on your intellectual and artistic spirit“, sagte Lawrence (zit. Nach Blankenship 2001).

Das Stück wird 1960 von Nedrick Young, einem vom McCarthyism direkt betroffenen Drehbuchautor adaptiert. Dieser wurde im Rahmen der zweiten großen Welle der Vorladungen des HUAC befragt und berief sich wie viele andere auf den fünften Zusatz der Verfassung. Er machte noch zwei Filme nach Vertrag mit Warner Brothers, wurde dann fallen gelassen und fand in den nächsten Jahren so gut wie keine Arbeit als Schauspieler oder als Autor, arbeitete aber gelegentlich unter einem Pseudonym. Nachdem er in den credits von Jailhouse Rock 1957 auf sein Anfragen genannt wurde, schrieb er im Jahr darauf mit Harald Jacob Smith das Drehbuch für The Defiant Ones (jedoch als Nathan E. Douglas), das Stanley Kramer kaufte und die beiden für zwei weitere Filme engagierte, darunter Inherit the Wind.

Man kann die Adaption dieses Theaterstücks durch Nedrick Young als einen Drehbuchautor der Schwarzen Liste durchaus als politisches Statement oder Interpretation zu dieser damals wahrscheinlich noch nicht öffentlich als solcher bestätigten Parabel auf die McCarthy-Ära und die Verhöre (des HUAC) sehen. Auch Stanley Kramer hatte zuvor schon Filme mit Themen um Toleranz, Anti-Rassismus und Demokratie gemacht und mit anderen, durch die Schwarze Liste betroffenen Personen zusammengearbeitet. Passagen wie der kurze, bittere Monolog Drummonds – als Antwort auf Rachels Bitte, die Sache doch ruhen zu lassen – ließen sich auch wörtlich in diese Richtung interpretieren: „I know what Bert is going through – it’s the loneliest feeling in the world. It’s like walking down an empty road, listening to your own footsteps. But all you have to do is to knock on any door and say ‘if you let me in, I’ll live the way you want me to live, and I’ll think the way you want me to think.’ […] And all the doors will open and you’ll never be lonely again.” (45:40)

McCarthy war jedoch 1960 schon einige Jahre nicht mehr tätig, Dalton Trumbo wurde in Spartacus, dessen Premiere wenige Monate nach Inherit the Wind stattfand, wieder namentlich im Abspann als Drehbuchautor genannt, und die Wahl von John F. Kennedy stand kurz bevor. Nedrick Young gab bereits im April 1960 ein Interview im Ocala Star-Banner über seine Erfahrungen mit der Schwarzen Liste und seine neuen Arbeiten. (Thomas 1960) Es scheint mir deshalb wichtig, neben einer möglichen (unmittelbaren) politischen Motivation, ökonomische bzw. auf die angestrebte Unterhaltung eines breiten Publikums zurückzuführende Gründe für eine Adaption dieses Dramas mitzudenken.

Das Theaterstück war ab seiner starbesetzten Broadway-Premiere sehr erfolgreich. Schon früher hatte der Produzent Stanley Kramer – etwa 1951 bei der Verfilmung von Arthur Millers Death of a Salesman – auf erfolgreiche Bühnenstücke zurückgegriffen. Im Zentrum von Inherit the Wind (Stück und Film) steht der Schauplatz des Gerichtsaals, der bereits im Theater beliebt war, da er in sich schon das Potenzial zur Dramatik trage. Der Film Inherit the Wind folgt dem für das Genre des Gerichtsfilms typischen Aufbau vom Anfang des Prozesses bis zur Urteilsverkündung. (vgl. dazu Lexikon der Filmbegriffe 2012) Der Film stellt sich in eine Reihe mit zahlreichen anderen Gerichtsfilmen, die Ende der 1950er-Jahre und Anfang der 1960er-Jahre produziert wurden, wie zum Beispiel 12 Angry Men, Witness for the Prosecution (beide 1957), Anatomy of a Murder (1959), Judgement at Nuremberg (1961, ebenfalls von Stanley Kramer) und To Kill a Mockingbird (1961). Im US-Trailer zu Inherit the Wind wird der Film als internationaler Erfolg gefeiert. Stanley Kramer tritt darin auf, um vor allem die schauspielerische Leistung seiner Hauptdarsteller hervorzuheben. Die im Trailer gezeigten Filmausschnitte dienen der Verdeutlichung dessen und machen dem Publikum etwa Gene Kelly als zynischen und gewitzten Reporter schmackhaft.

Auf inhaltlicher Ebene wird im Film die Beziehung zwischen Bertram Cates und Rachel Brown deutlich in den Vordergrund gespielt und mit zusätzlicher Dramatik versehen. Rachel gesteht ihrem strengen Vater, dem Priester der Gemeinde, ihre anhaltende Liebe zu Cates und bekennt sich öffentlich zu einem Leben mit ihm. Indem diesem Strang der Geschichte so viel Platz eingeräumt wird, wird eine Ebene der Spannung und Identifikation mit den Figuren für den/die Rezipient/in eingeführt, die auch den Fokus in der Erzählung verschiebt.
In Lawrence und Lees Theaterstück wird der Kontrast zwischen Drummond und Brady (stellvertretend für die Agnostiker bzw. Fundamentalisten) im Vergleich zum Film wesentlich stärker herausgearbeitet. In der Verfilmung wird Brady zwar ebenfalls als aufbrausender und streng religiös-konservativer Mensch dargestellt, jedoch an manchen Stellen wesentlich sympathischer gezeichnet. Die Freundschaft zwischen Brady und Drummond scheint immer wieder durch, etwa in ihrer abendlichen, vertrauten Konversation in den Schaukelstühlen auf der Veranda, in der die Thematik ihrer ehemaligen – vielleicht im Grunde noch immer vorhandenen – ideellen Nähe von zwei Sätzen im Theaterstück zu einer ganzen Szenen ausgebaut wird. Brady wird als Sprecher der „einfachen Menschen“ dargestellt, der Drummond zum Verständnis aufruft: „These are simple people, Henry – poor people. They work hard and they need to believe in something beautiful. Seeking for something more perfect than what they have.” (57:30) Weitergeführt wird diese Idee der „Abschwächung“ im Gespräch zwischen Bradys sanftmütiger Frau Sara und Rachel: „You see my husband as a saint and so he must be right in everything he says and does; and then you see him as a devil and so everything he says and does must be wrong. My husband’s neither a saint nor a devil. He’s just a human being and he makes mistakes. What do you stand for? I believe in my husband. What do you believe in?” (1:48:50) In der Schlussszene hält Drummond die Bibel sowie Darwins Buch in den Händen, als würde er sie gegeneinander abwiegen, und packt sie schließlich beide ein, als er den Gerichtssaal zu dem Lied The Battle Hymn of the Republic verlässt.

Der Grundgedanke des Theaterstücks bleibt in der Verfilmung von 1960 erhalten: er richtet sich gegen Fanatismus und den dadurch entstehenden Missbrauch von Macht und Gesetz, der anders denkende Menschen unterdrückt und intellektuelle Freiheit verhindert. Jedoch kann der Film im Vergleich mit der Vorlage als allgemeinerer Aufruf zur Toleranz gelesen werden. Die starke schwarz-weiß-Zeichnung und der durchgängige Fokus auf den politischen Inhalt, wie sie bei Lawrence und Lee noch vorhanden waren, wurden zugunsten des Unterhaltungscharakters und eventuell aufgrund der abnehmenden Brisanz um die Zeit des McCarthyism vernachlässigt.

Literatur:

Blankenship, Bill, „Inherit the Controversy”, The Capital-Journal, März 2001, http://cjonline.com/stories/030201/wee_inherit.shtml, Zugriff: 12.06.2013.

Brunner, Philipp, „Justizdrama”, Lexikon der Filmbegriffe, 2012, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=7171, Zugriff: 12.06.2013.

Fidler, John, „Review on ‘Hollywood Goes to Washington. American Politics on Screen’ by Michael Coyne”, CINEASTE, Spring 2009, S. 91-92.

Guterman, Gad, „Field Tripping: The Power of ‘Inherit the Wind’”, Theatre Journal 60, 2008, S. 563-583.

Lawrence, Jerome/Robert E. Lee, Inherit the Wind, New York: Ballantine Books 2003.

o.N., „Stanley Kramer”, film zeit, http://www.film-zeit.de/Person/8765/Stanley-Kramer/Biographie/, Zugriff: 16.06.2013.

Thomas, Bob, „Nedrick Young Writes Again After Being On Blacklist“, Ocala Star-Banner, April 1960, S. 9, http://news.google.com/newspapers?nid=1356&dat=19600413&id=CfApAAAAIBAJ&sjid=DwUEAAAAIBAJ&pg=3957,357783, Zugriff: 12.06.2013.

Autorin: Christina Wintersteller – 1021267
Redaktion: Veronika Beringer – 1103950

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