Force of Evil (1948)

Gepostet am

USA 1948, s/w, 78 Minuten
Regie: Abraham Polonsky
Produzent: Bob Roberts
Drehbuch: Abraham Polonsky, Ira Wolfert
nach dem Roman „Tucker’s People“ von Ira Wolfert
Kamera: George Barnes
Musik: David Raksin
Schnitt: Art Seid
Studio: The Enterprise Studios
Besetzung: John Garfield (Joe Morse), Beatrice Pearson (Doris Lowry), Thomas Gomez (Leo Morse), Marie Windsor (Edna Tucker), Howland Chamberlain (Freddie Bauer), Ray Roberts (Ben Tucker), Paul Fix (Bill Ficco) u.a.

FORCE OF EVIL ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1948. Er basiert auf dem Roman „Tucker’s People“ von Ira Wolfert, der auch am Drehbuch mitwirkte. Das Regiedebüt von Abraham Polonsky entstand unter der Leitung der gemeinsamen Filmproduktionsgesellschaft von Bob Roberts und Hauptdarsteller John Garfield, die zuvor den von Polonsky geschriebenen Kassenschlager BODY AND SOUL produziert hatte. FORCE OF EVIL war kein ähnlicher Erfolg beschert und der Film geriet praktisch in Vergessenheit, bis die rebellisch-idealistische Generation der 60er Jahre den Film noir und seine zynischen Antihelden neu für sich entdeckte. 1994 wurde Force of Evil in das National Film Registry, das Verzeichnis US-amerikanischer Filme, die als besonders erhaltenswert angesehen werden, aufgenommen.

Polonsky, Roberts und Garfield gerieten während der McCarthy-Ära ins Visier der Ermittlungen des Komitees für unamerikanische Umtriebe (HUAC). Als überzeugter Marxist trat Polonsky in die Amerikanische Kommunistische Partei ein und war auch gewerkschaftlich aktiv. Der liberale Garfield engagierte sich ebenfalls sozial und politisch. Ihm wurde vorgeworfen, ein Sympathisant und Parteimitglied der Kommunisten zu sein. Alle drei weigerten sich 1951, vor dem Ausschuss die Namen linker Weggefährten preiszugeben. Polonsky konnte fortan nur noch unter falschem Namen arbeiten, erst 1969 erhielt er mit TELL THEM WILLIE BOY IS HERE die Gelegenheit, wieder Regie zu führen. Roberts verließ die USA und Garfield starb ein Jahr nach den Verhören im Alter von nur 39 Jahren an stressinduzierten Herzproblemen.

FORCE OF EVIL erzählt vom jungen, charismatischen Anwalt Joe Morse, der gemeinsam mit dem ehemaligen Prohibitionsgangster und inzwischen im Kreditwesen tätigen Ben Tucker einen großen Coup für den Unabhängigkeitstag plant: Durch die Manipulation der illegalen Zahlenlotterie wollen sie die meistgewettete Zahl gewinnen lassen, die dadurch zahlungsunfähigen kleinen WettbankenNew Yorks in den Ruin treiben und unter Tuckers Kontrolle bringen. Als Joes entfremdeter Bruder Leo, der eine dieser Banken betreibt, den Rettungsversuch des Anwalts aus Verbitterung ablehnt und Joe zudem Gefühle für Leos Assistentin Doris entwickelt, wird seine Loyalität auf eine harte Probe gestellt.

In seinem Essay „Red Hollywood“ klassifiziert Thom Andersen FORCE OF EVIL als Film gris. Mit diesem Begriff umschreibt er eine Reihe von Filmen, die als Teil der als Film noir klassifizierten, pessimistischen Thriller der 40er Jahre entstanden und sich um größeren psychologischen und sozialen Realismus bemühten. Dabei bezieht sich Andersen speziell auf zwischen 1947 und 1951 entstandene Filme, die von mehrheitlich linken Filmemachern produziert, geschrieben oder inszeniert wurden. Wiederholt auftauchende Themen und Motive sind die Betonung von sozialen Ungleichheiten innerhalb des kapitalistischen Systems, Klassenschranken und -gegensätze, die sich verwischenden Grenzen zwischen Wirtschaftsbetrieben und Kriminalität, Polizeikorruption oder das Unvermögen des Gesetzes, seine Bürger zu schützen.

Ein Vierteljahrhundert vor THE GODFATHER (1972, Regie: Francis Ford Coppola) zeigt FORCE OF EVIL also bereits die frappierenden Ähnlichkeiten und Verquickungen zwischen Wirtschaft und organisiertem Verbrechen auf und liefert damit eine scharfe Analyse des Kapitalismus. Die Grenze zwischen legal und illegal verwischt zusehends und die meisten Figuren stehen mit je einem Bein auf jeder Seite, ohne sich vollständig zu einer zu bekennen. Zu Beginn des Films prognostiziert Joe Morse der neuen Lotterie den Aufstieg in die Legalität und öffentliches Prestige ähnlich den Pferderennen. Konsequenterweise verteidigt er den Plan, sich die kleinen Wettbüros unter den Nagel zu reißen, mit den Worten „We’re normal financiers!“. Morse und Tucker bezeichnen ihre zwielichtigen Unternehmungen als „the corporation“ und andere akzeptieren die Bezeichnung schnell. Als Bauer am ersten Tag der Übernahme zu spät bei der Arbeit erscheint, wird er belehrt: „You’re working for a big corporation now, not a little man.“ In ähnlicher Weise erwidert ein Konkurrent Tuckers auf den Vorwurf, kriminellen Geschäften nach zu gehen: „What do you mean gangsters? It’s business.“

Besonders Joes Bruder Leo Morse ist während des gesamten Films penibel darauf bedacht, sich von kriminellen Machenschaften abzugrenzen und seine kleine, aber ebenso illegale Lotteriebude gegen Tuckers organisiertes Großunternehmen zu verteidigen: „I’m an honest man here. Not a gangster with that gangster Tucker. I do my business honest and respectable.“ Im Gegensatz zu Tuckers rauen Methoden beschäftigt er gesellschaftliche Außenseiter und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Angestellten. Unbewusst begreift Leo wohl das Verbrechen als einzige Überlebensmöglichkeit im Elendsviertel und betont gerade deshalb seine ehrenhaften Absichten. Trotz der rettenden Warnung seines Bruders vor der geplanten Übernahme durch Tucker besteht Leo auf der Auszahlung der bei ihm gesetzten Wetten. Joe prangert die Scheinheiligkeit der von seinem Bruder demonstrierten moralischen Überlegenheit an, indem er ihn daran erinnert, dass auch seine Bank nur mit den „nickles and dimes and pennies of every sucker“ operiert. „You’re a businessman“, versichert Leos Ehefrau ihrem Mann, doch davon ist er selbst nicht mehr überzeugt.

„Money has no moral opinions“, legt Joe Morse seine Sicht der Dinge dar. Tatsächlich schließen sich Redlichkeit und Erfolg in diesem Wirtschaftssystem gegenseitig aus und jeder ist bereit, für die Aussicht auf persönlichen Profit die Augen vor moralischen Grenzüberschreitungen  zu verschließen. Während einer Taxifahrt skizziert Joe Morse der liebenswerten Doris seine Lebensphilosophie: Zu geben ohne etwas zurück zu verlangen, ist „perversion, it’s not natural. To go to great expense for something you want, that’s natural. To reach out and take it, that’s human, that’s natural“. Die Frage nach der Korruption stellt sich nicht mehr, lediglich das Ausmaß der Bestechlichkeit der Figuren lässt sich noch diskutieren. Joe rühmt sich offen seiner Gier („I wasn’t strong enough to resist corruption, but I was strong enough to fight for a piece of it.“), während sein Bruder Leo lediglich versucht, sich und seine Angestellten über Wasser zu halten. Schlussendlich wird in FORCE OF EVIL ein verbrecherisches Gesamtsystem geschildert, in welchem dem Einzelnen keine andere Wahl bleibt, als sich der alles durchdringenden Korruption anzupassen. Martin Scorsese, der den Einfluss von FORCE OF EVIL auf sein eigenes Filmschaffen betont, resümiert: „The moral drama has almost a mythical scale […] It’s not just the individual who’s corrupted, but the entire system. It’s a political as well as an existential vision.“

Auf die Ebene des Mythos hebt Polonsky seine Fabel auch durch biblische Referenzen, etwa die Geschichte von Kain und Abel. Im Zentrum des Films steht die von Schuld und Eifersucht geprägte Beziehung zwischen den ungleichen Brüdern, die trotzdem untrennbar miteinander verbunden sind und sich auch gegen Außenstehende verteidigen. Die Entwicklung eines moralischen Bewusstseins des Protagonisten ist nicht der romantischen Liebe, sondern dem Verhältnis zum Bruder und dessen Ermordung geschuldet. Beim Anblick von Leos Leiche beschließt Joe, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und auf der Seite des Gesetzes gegen das korrupte System zu kämpfen.

Zur drückenden Stimmung des Films trägt auch die reiche Bildsprache von Kameramann George Barnes bei, der aus ungewöhnlichen Winkeln aufgenommene, monströs anmutende Gebäudelabyrinthe und spärlich beleuchtete Interieurs zu einer klaustrophobischen Welt ohne Ausweg verknüpft. Die wiederkehrende Überwindung von Stufen und Treppen symbolisiert Joes Gewissenskonflikt – am prominentesten tritt hier die schier endlose Stiege der George Washington Bridge in Erscheinung, an deren Ende er mit der grausamen Wahrheit von Leos Tod konfrontiert wird: „I felt I was going down to the bottom of the world to find my brother.“

Polonsky beherrscht sein Handwerk perfekt und produzierte mit FORCE OF EVIL einen nach allen Regeln der Kunst gefertigten Film noir, in dem Handlung, Cast, Kameraarbeit und Regie sich auf gelungenste Weise zu einem straff gespannten und im besten Sinne unterhaltsamen Ganzen fügen. Die politische und sozialkritische Botschaft des Films kommentiert die gesellschaftlichen Umbrüche und Ängste im Amerika der Nachkriegszeit und beleuchtet die Wechselbeziehung zwischen organisiertem Verbrechen und respektablen Unternehmen. Für Polonsky sind beide in gleichem Maße korrupt, erzielen sie doch ihren Erfolg durch die Ausbeutung von Schwächeren. Es waren Ideen wie diese, die Polonsky in Konflikt mit HUAC geraten ließen. 24 Jahre später sollten sie Coppola einen Oscar einbringen.


Literatur:

Andersen, Thom: Red Hollywood. In: „Un-American“ Hollywood: Politics and Film in the Blacklist Era. Hrsg. von Frank Krutnik u.a. Rutgers University Press 2007, S. 225-263.

Pechter, William: Abraham Polonsky and „Force of Evil“. In: Film Quarterly, Vol.15, No.3, Special Issue on Hollywood (Spring 1962), S. 47-54.

Smith, Imogen Sara: Plumbing the Depths of Capitalism. On „Force of Evil“. In: Bright Lights Online Film Journal, Issue 61, August 2008. http://brightlightsfilm.com/61/61forceofevil.php#.UcMViOemGyq Zugriff: 14.06.2013

Robins, Mike: Force of Evil. In: Senses of Cinema Online Film Journal, Issue 36, July 2005. http://sensesofcinema.com/2005/cteq/force_of_evil/ Zugriff: 14.06.2013.


Autorin:
Julia Rehberger 0702160
Redigiert von: Valeska Ringhof 1103150

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