The Naked City

Gepostet am Aktualisiert am

USA, 1948,  93 min, s/w

Regie: Jules Dassin

Buch: Albert Maltz/ Malvin Wald

Produktion: Mark Hellinger

Kamera: William Daniels

Musik: Miklos Rozsa

Schnitt: Paul Weatherwax

Art direction: John F. DeCuir

Studio: Universal Pictures

Besetzung: Barry Fitzgerald (Det. Lt. Dan Muldoon), Howard Duff (Frank Niles), Dorothy Hart (Ruth Morrison), Don Taylor (Jimmy Halloran), Mark Hellinger (voice-over)

Die Ermordung einer jungen Frau namens Jean Dexter wird zu einer Sensationsgeschichte der Boulevardzeitungen in New York und zum Stadtgespräch. Das mysteriöse Drama um das schöne Model führen zu reichlich Spekulationen und Faszinationen der BewohnerInnen New Yorks. Die Ermittlungen der Polizei führen durch die halbe Stadt und zeigen New York in seiner architektonischen Vielseitigkeit genauso wie in seiner Multikulturalität.

The Naked City ist ein später Film Noir, der versucht das urbane Leben mit all seinen negativen wie positiven Aspekten einzufangen. Die Darstellung der Stadt sowie ihrer BewohnerInnen nimmt dabei eine genauso wichtige Stellung ein wie die Handlung des Krimis. Als police procedural vesucht der Film auch die Ermittlungen der Polizei genau zu dokumentieren und folgt der Mannschaft, angeführt von Lieutenant Dan Muldoon, bei ihren Nachforschungen.

Basierend auf dem gleichnamigen Fotoband von Arthur F. Weegee, schrieb Albert Maltz das Drehbuch nach einer Erstfassung von Malvin Wald. Alleine der Titel, die nackte Stadt, verrät eine tiefere, potentiell politische Dimension des Filmes und stellt den Anspruch, das urbane Leben vor allem auch in seinen negativen Facetten aufzudecken. Nicht nur die Stadt selbst, sondern auch ihre Inszenierung im Film beanspruchen damit eine schonungslose und unmaskierte Authentizität.

Sowohl der Drehbuchautor Albert Maltz als auch Regisseur Jules Dassin waren von das HUAC angeklagt und indiziert worden. Bei Maltz ist die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei bekannt genau wie seine sozialpolitischen Intentionen in seinem schriftstellerischen Werk, das auch Theaterstücke und Romane beinhaltet. Doch auch wenn er von dem HUAC dafür verurteilt  wurde, ist der Einfluss seiner politischen Überzeugungen auf sein künstlerisches Werk in Bezug auf den marxistischen Gehalt umstritten. So geriet Maltz Anfang der Vierziger Jahre auch in Konflikt mit der Kommunistischen Partei, die ihm vorwarf, seine Werke zeugen mehr von einem bourgeois-liberalem denn einem marxistischem Ansatz (heute bekannt als Maltz-affair, Vgl. Ceplair 2007, S. 154-55). Maltz verteidigte  sich, dass seine Integrität als Künstler mehr verlange, seinen Charakteren gerecht zu werden als einem politischem Programm. Demnach wäre auszuschließen, dass The Naked City deutlich lesbare Intentionen im Sinne einer klar definierten Parteipolitik verfolgt. Dies schließt jedoch einen sozialpolitischen Charakter des Filmes, wie Maltz ihn beschrieben hat, nicht aus.

Durch den Versuch, die Polizeiarbeit möglichst authentisch einzufangen sowie das Drehen an Originalschauplätzen, gilt der Film heute als semidocumentary film. An über hundert verschiedenen Orten in New York wurde er aufgenommen. Im Laufe der Handlung gehen die Bilder immer wieder auf die Skyline von Manhattan zurück, die von einem Flugzeug aus gedreht wurde. Immer wieder treten Stadtbilder und Häuserfronten pointiert in das Blickfeld der Kamera:

vlcsnap-2013-06-20-08h46m39s210

Ca. 18:50 Minute, screenshot.

Bisweilen ist auch z. B. durch Hintergrundgeräusche am Ton zu erkennen, dass nach Möglichkeit Originalaufnahmen verwendet wurden. Die Ästhetik des Filmes orientiert sich an einer möglichst hohen Authentizität, die sich auch an den vielen Statisten und Nebenrollen im Filmes zeigt. Von jungen, hoffnungsvollen Frauen an der Fifth Avenue zum Reinungspersonal in leeren Bürogebäuden hin zu Immigranten im oberen Teil Manhattans wird jede Bevölkerungsschicht in New York festgehalten. Durch die Berichterstattung über den Mord in den Medien werden die Bewohner der Stadt zu freiwilligen oder unfreiwilligen Beteiligten an den Ermittlungen. Während die eigentliche Krimigeschichte erzählt wird, bleibt die Stadt und das vielseitige, pulsierende Leben in ihr immer präsent und spürbar. Mit dieser Ästhetik besteht zumindest die Potenz einer sozialpolitischen Auseinandersetzung mit dem Stadtleben im Film. Die formalen Eigenschaften eines semidocumentary film alleine können aber noch keinen politischen Gehalt für sich beanspruchen.

Ein weiterer Aspekt findet sich in der Handlung des Krimis, wenn mehr über das Opfer erzählt wird. Die Eltern sind die ersten und einzigen Figuren, die wirklich über den Verlust von Jean Dexter trauern: [Vater] „It’s my fault maybe, I didn’t do better for her. When she was fifteen she was working already- the five-and-ten store. Oh, it was hard – depression time […]“(ca. 38:00 min). Während der Vater die Schuld bei sich und der Armut sucht, behauptet die Mutter, dass ihre Tochter zu viel vom Leben gewollt habe. Einerseits klingt diese Geschichte ein wenig stereotypisch, weist aber ein wiederholtes Thema im Film auf. Jean Dexter versuchte über das Modeln ein Luxusleben zu bekommen und geriet dabei in ein kriminelles Umfeld. Bei den Polizisten wiederum wird häufig betont, dass sie hart arbeiten und trotzdem ein bescheidenes Leben führen, während die Gangster, die ihnen bei den Ermittlungen begegnen und mit teurem Schmuck handeln, lockerer mit Geld umgehen können. Luxus und Lasterhaftigkeit sowie harte Arbeit und Genügsamkeit werden hier gegenübergestellt, wobei es bei dieser einfachen Analogie bleibt. Die Szenen, in denen die Sicht der Eltern gezeigt werden, bleiben die einzigen Momente des Filmes, in der die dramatische Seite einer solchen Geschichte sichtbar wird und zu einer sozialpoltisch kritischen Sicht führen kann. Dabei wird vor allem der soziale Hintergrund Jeans näher betrachtet. Diese Perspektive verhält sich kritisch zur eigentlichen, humorvollen Erzählweise des Filmes, die wie schon erwähnt den sensationellen Charakter des Falles hervorhebt.

Maltz und Dassin sagten nach Veröffentlichung des Filmes, dass der Großteil der sozialkritischen Aspekte durch den Produzenten sowie das Studio unterminiert wurde (Gunning 2009, S. 324). Tatsächlich steht das voice-over für den Film, das der Produzent Mark Hellinger selbst eingesprochen hat, im Widerspruch zur authentisch-dokumentarischen Ästhetik des Films. Die Geschichte wird durch seine Begleitung strukturiert und lenkt die Perspektive, von der aus das Publikum die Geschichte wahrnimmt. Die Kommentare geben der Geschichte  einen humorvollen und leichtlebigen Ton. Wenn die Sensationsgier der Menschen auf die Ermordung gezeigt wird, kommentiert er: „She [das Opfer]  is now the marmelade on thousands of toasts.” Aus der voice of god-narration (allwissender Erzähler) kann er auch die Gedanken der Bewohner erzählen. Eine mögliche kritische Sicht auf die Reaktionen der Menschen und der Medien wird somit umgangen und mehr als amüsanter Aspekt des urbanen Lebens dargestellt. Auch die Arbeit der Poliziei verliert einen Teil ihres authentischen Charakters:

vlcsnap-2013-06-20-08h40m52s116

”Ever try to catch a murderer? It has its depressing moments.“ (ca. 45:00 min, screenshot)

Jules Dassin legte Wert darauf, die Polizisten als Team darzustellen, deren Kooperation zur Lösung des Falles führt. Mit dem Kommentar gewinnt eine solche Szene aber mehr einen theatralischen und komödiantischen Charakter.

Die ursprüngliche Bedeutung des Titels wird durch den Kommentar somit fast schon umgedreht, da die Vorstellung einer Darstellung ohne jede Zensur und ohne Geheimnisse durch die Kommentare wieder annuliert wird. Durch das strukturierende voice-over werden die authentischen Bilder der Stadt einer Dramaturgie der Unterhaltung angepasst und büßen ihre potentielle sozialpolitische Kraft stark ein. The Naked City  kann folglich nur bedingt als ein politischer Film gelesen werden.

Autorin: Janina Hoth, redigiert von Jennifer Davis.

Bibliografie:

Ceplair 2007

Larry Ceplair, Albert maltz, philip stevenson, and “art is a weapon”, in: The Minnesota Review, Bd.69/2007, S. 153-162.

Gunning 2009

Tom Gunning, Invisible cities, Visible Cinema: Illuminating shadows in Late Film Noir, in: Comparative Critical Studies , Bd. 3/2009, S. 319-332.

Kozloff 1984

Sarah Kozloff, Humanizing ‚The Voice of God‘: Narration in The Naked City, in: Cinema Journal, Bd.4/23, 1984, S.41-53.

Sämtliche screenshots von gleichnamiger DVD (arrow films, 2009).

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s