Fail-Safe (1964)

Gepostet am Aktualisiert am

USA 1964, 112 Minuten, B/W

Director: Sidney Lumet

Producers: Max E. Youngstein, Sidney Lumet

Screenplay: Walter Bernstein (basierend auf Roman Fail-Safe (1962) von Eugene Burdick und Harvey Wheeler)

Editor: Ralph Rosenblum

Mit Henry Fonda (U.S. President), Dan O’Herlihy (Brigadier General Warren A. “Blackie” Black), Walter Matthau (Professor Groteschele), Frank Overton (General Bogan), Larry Hagman (Interpreter) u.a.

 Der Drehbuchautor Walter Bernstein wurde black-listed, nachdem sein Name aufgrund von Verbindungen zu linksorientierten Parteizugehörigen und seiner Mitgliedschaft beim Kommunistischen Jugendverband in den Red Channels Erwähnung fand. Während der 50er gelang es Bernstein seine Karriere, durch die Verwendung von Pseudonymen und Strohmännern (Fronts), fortzusetzen und er schrieb für verschiedene TV-Shows und Dokumentationen. Durch die Zusammenarbeit mit Sidney Lumet wurde es Bernstein ermöglicht seine Arbeit als Drehbuchautor für Kinofilme wiederaufzunehmen. In Bezug auf die Schwarze Liste und die Frage, inwiefern politische Inhalte in Filme einfließen, an denen Drehbuchautoren gearbeitet haben, die auf der Liste standen, ist Walter Bernstein ein interessanter Schreiber, u.a. weil er das Drehbuch für einen der wenigen Filme geschrieben hat, der die Schwarze Liste und die HUAC Verhöre direkt thematisiert, nämlich The Front (1976) mit Woody Allen.

 In den 1960er Jahren hat die Angst vor einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion einen Höhepunkt erreicht, der zu einem neuen Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung geführt hat und auch in der Kunst thematisiert wurde. Der Roman Fail-Safe wurde zur Zeit der Kubakrise veröffentlicht, auf dem der gleichnamige Film basiert, der zwei Jahre später in die Kinos kam.

 Der dystopische Thriller beginnt mit verschiedenen Handlungssträngen, die sich zur selben Zeit in N.Y., Washington D.C., Omaha, Neb. und Anchorage, Alaska abspielen. Dabei werden wichtige Figuren vorgestellt, die verschiedene (meist militärische) Funktionen erfüllen und im weiteren Verlauf gegensätzliche Positionen einnehmen. Der Begriff Fail-Safe bezeichnet hier Luftkoordinaten, an denen Bomber, die mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet sind, auf einen go-code warten, der durch den US-Präsidenten auf elektronischem Weg versendet wird und einen nuklearen Schlag anordnen. Durch denFehler eines Kontrollcomputers wird der Code gesendet und es kann kein Kontakt mit den Bombern aufgenommen werden, da die Funkverbindung durch das gegnerische Militär unterbrochen wurde. Die Wiederherstellung der Verbindung rettet die Situation auch nicht, da die Piloten den Auftrag haben, sämtliche Planänderungen über Funk zu ignorieren, weil es sich um einen Trick des Feindes handeln könnte. In Gesprächen zwischen dem US-Präsidenten und dem Vorsitzenden der Sowjetunion wird versucht, das gemeinsame Problem zu lösen, aber der Abwurf über Moskau kann nicht verhindert werden. Der US-Präsident ordnet die Zerstörung von New York an um einen nuklearen Holocaust zu vermeiden.

 Die klaustrophobische Stimmung des Films wird durch die fast ausschließliche Verwendung von Innenräumen erzeugt, die sich teilweise unter der Erde befinden, sowie durch den häufigen Gebrauch von Close-Ups. Der Film kommt ganz ohne Musik aus, wodurch eine stille, trockene Atmosphäre erzeugt wird. Wie die Traumsequenz von General Blacks Alptraum, wird das gewöhnliche Leben nur zu Beginn und am Ende des Filmes dargestellt. In seinem Traum sieht er einem Matador zu, der mit einem Stier kämpft und interpretiert diesen als Ankündigung seines eigenen Todes.

 In Fail-Safe gibt es keinen personifizierten Antagonisten, sondern die Bedrohung eines Atomkriegs. Es wird ausschließlich die Seite der Amerikaner gezeigt, die Streitkräfte der Sowjetunion werden über die schematische Darstellung auf den Bildschirmen im War Room des Pentagons abstrahiert dargestellt und bei den Telefonaten des Präsidenten wird die Seite des Vorsitzenden der Sowjetunion über die Interpretation des Übersetzers übermittelt. Ein grundsätzliches Thema im Film ist das Verhältnis zwischen Automation und Kontrolle, sowie die Frage, ob es in der modernen Kriegsführung mit Massenvernichtungswaffen noch möglich ist, einen begrenzten Krieg zu führen. Die Figur des Prof. Greoteschele nimmt eine radikale Position ein, die in starkem Kontrast zu der von General Black steht. Auf einer Party zu Beginn des Films spricht er über die Notwendigkeit, den Schaden auf Seiten der U.S. in einem möglichen Krieg zu minimieren und äußert seine nationalistische, antikommunistische Grundhaltung: “I’m a political scientist who would rather have an American culture survive than a Russian one.” (00:07:56) Bei einem Vortrag im Pentagon stößt seine Meinung auf Kritik von General Black, der die Limitierung eines militärischen Konflikts nicht für möglich hält und den Abwurf von Wasserstoffbomben als unweigerlichen Auslöser für eine totale Vernichtung betrachtet. (00:25:52) Die antikommunistische Haltung von Greoteschele macht sich zu einem späteren Zeitpunkt noch stärker bemerkbar, indem er der Bevölkerung der Sowjetunion sogar Menschlichkeit abspricht: “These are Marxist fanatics, not normal people. They do not reason the way you reason, General Black. They’re not motivated by human emotion such as rage and pity. They are calculating machines.” (00:54:53) Hier wird wieder die Mensch-Maschine-Beziehung thematisiert. In einer späteren Auseinandersetzung mit General Black, der in Frage stellt, dass die Amerikaner durch einen Erstschlag das Recht auf Überleben verdient haben, meint Greoteschele: “Those who can survive are the only ones worth surviving.” (01:16:26) Mit seiner radikalen Position und durch einige Aspekte seiner Darstellung wird Greoteschele negativ charakterisiert, wodurch u.a. seine antikommunistische Haltung ebenfalls nicht positiv übermittelt wird. General Black tritt auf der anderen Seite als reflektierte Figur hervor, die das Überleben der Amerikaner nicht selbstverständlich über das der Russen stellt. Durch die Diskussionen und konträren Positionen der Figuren wird dem Zuseher Raum für eigene Überlegungen geboten, die nicht gegen kommunistisches Gedankengut gerichtet werden.

 Die Ähnlichkeiten zwischen Fail-Safe und Dr. Strangelove (R: Stanley Kubrick, 1964) sind nicht zu übersehen – in beiden Fällen wird die Mutual Assured Destruction Situation im Kalten Krieg thematisiert, nur wird das finale Desaster in Dr. Strangelove durch menschlichen Wahnsinn in die Wege geleitet. Beide Filme spielen zum Großteil im War Room des Pentagons und auch in Dr. Strangelove führt der US-Präsident Gespräche über die Hot-Line mit dem sowjetischen Machthaber. Es lassen sich noch einige Überschneidungen feststellen, die teilweise recht subtil sind und man könnte die Komödie Dr. Strangelove für eine Persiflage auf Fail-Safe halten, jedoch ist Fail-Safe ungefähr zehn Monate später in die Kinos gekommen. Die verblüffenden Ähnlichkeiten haben für Kontroverse gesorgt: die Produzenten von Dr. Strangelove haben gerichtliche Schritte gegen den Schreiber der Romanvorlage von Fail-Safe eingeleitet, da sie diese als Plagiat des Romans Red Alert, der als Vorlage für Dr. Strangelove diente, gesehen haben (Vgl. Pitts 2010:76). Der große Unterschied zwischen den beiden Filmen ist der, dass Fail-Safe in keinster Weise andeutet, dass die nationale Führung und die militärischen Vorgehensweisen absurd sind. Der Präsident wird als verantwortungsvoller, kompetenter Humanist dargestellt, der sogar eine eigene Metropole zerstört, um eine Weltvernichtung zu verhindern (Vgl. Maland 2010:253).

Quellen

Maland, Charles, “A Shifting Sensibility. Dr. Strangelove: Nightmare Comedy and the Ideology of Liberal Consensus”, Hollywood’s America. twentieth-century America through film, Mintz, Steven/Randy, Roberts, Oxford: Wiley-Blackwell 42010.

Pitts, Michael, Columbia Pictures. Horror, Science Fiction and Fantasy Films, 1928-1982, US: Mcfarland & Co 2010, S. 243-254.

Autor: Manuel Beraha (0969246)

Redaktion: Janina Schwarz (1205392)

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