Paris Blues (1961)

Gepostet am Aktualisiert am

USA 196, schwarz-weiß
Sprache: Englisch
Länge: 98 min
Deutscher Titel: Paris Blues

Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Walter Bernstein
Kamera: Christian Matras
Schnitt: Roger Dwyre
Musik: Duke Ellington

Darsteller:
Paul Newman als Ram Bowen
Joanne Woodward als Lillian Corning
Sidney Poitier als Eddie Cook
Diahann Carroll als Connie Lampson
Louis Armstrong als Wild Man Moore

Paris Blues (1961) – basierend auf der literarischen Vorlage von Lulla Rosenfeld – erzählt die Geschichte des amerikanischen Jazzmusiker Ram Bowen (Paul Newman) und dem afroamerikanischen Jazzmusiker Eddie Cook (Sidney Poitier). Im Gegensatz zu Amerika, wo bis in die 60er Jahre noch die Rassentrennung existierte, können die beiden Musiker in Paris ihre musikalische sowie politische Freiheit ausleben. Ram und Eddie verlieben sich in Paris in Lillian (Joanne Woodward) und Connie (Diahann Carroll), zwei amerikanische Touristinnen. Hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu diesen und ihrer individuellen Freiheit in Paris, müssen sich die beiden schließlich entscheiden, ob sie mit ihren Geliebten wieder zurück nach Amerika kehren wollen.

Walter Bernstein, der Drehbuchautor von Paris Blues, wurde in New York geboren und stammt aus einer jüdischen Familie. Bernstein hat sich während seiner Studienzeit am Dartmouth College der kommunistischen Partei (Young Communist League) angeschlossen. Aufgrund dieser Mitgliedschaft wurde er Anfang der 50er Jahre vom Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) auf die Schwarze Liste gesetzt. Bernstein musste daraufhin unter Pseudonymen schreiben und hat außerdem seine Erfahrungen mit dem HUAC und der Schwarzen Liste in seinem Buch „Inside Out: A Memoir of the Blacklist“ verarbeitet.

Der Regisseur Martin Ritt kam Anfang der 50er Jahre ebenfalls auf die Schwarzen Liste und hat mit Bernstein an weiteren Filmen gearbeitet. Unter anderem entstand dabei auch der autobiographische Film The Front (1976), der die Geschichte eines Drehbuchautors (Michael Murphy) erzählt. Dieser erhält durch das Komitee für unamerikanische Umtriebe ein Berufsverbot und muss daraufhin unter dem Namen eines Freundes (Woody Allen) weiter arbeiten.

Paris Blues befasst sich zwar nicht unmittelbar mit der Schwarzen Liste, allerdings werden Aspekte wie die filmische Darstellung von Afroamerikanern – insbesondere der Jazz Szene der frühen 1960er Jahre – und die Bedeutung der Bürgerrechtsbewegung behandelt. Dies wird vor allem deutlich, als Connie Eddie erklärt, dass die Situation für Afroamerikaner in Amerika jetzt viel besser sei als vor fünf Jahren. Der Grund dafür ist, so Connie, dass Afroamerikaner in ihrer Heimat bleiben und zusammen mit Millionen von weißen Amerikanern daran arbeiten, die Situation zu ändern. (43’04“)

Die zentralen Themen in Paris Blues sind einerseits das Übernehmen von Verantwortung bzw. die Bedeutung von Freiheit und andererseits die Frage der Identität. Dies zeigt sich im Konflikt der Protagonisten bezüglich der Rückkehr in die Heimat und der Wichtigkeit ihrer individuellen Freiheit bzw. der Verantwortung gegenüber ihrer Geliebten. Paris ist für die Jazzmusiker die Stadt, in der sich die Menschen ohne Vorurteile begegnen. Als Eddie beispielsweise einem Kind einen Spielball zurückzugeben scheint und sich jenes bei Eddie und Connie mit den Worten „Merci Monsieur Noir. Merci Madame Noire.“ bedankt, beginnt zwischen Eddie und Connie eine Diskussion bezüglich ihrer Hautfarbe und Herkunft. (41’46“) Connie fragt Eddie daraufhin, ob es ihn denn nicht störe, Mister Black Man genannt zu werden oder ob es ihn nur deswegen nicht störe, weil es ein französisches Kind sagt. Eddie erklärt schließlich, dass er in Paris nicht als Cook – Negro Musician sondern lediglich als Cook – Musician bezeichnet werde und er sich hier nicht damit befassen müsse, „anders“zu sein. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Gruppenzugehörigkeit wird durch Connies oben besprochene Ansprache in Hinsicht der Bürgerrechtsbewegung in Amerika vertieft. Eddie versucht das Thema zu wechseln und zeigt – auf recht infantile Art und Weise – eine offensichtliche Verweigerung gegenüber der Identitätsthematik.

Der Hauptfokus in Paris Blues liegt zwar eindeutig auf der Beziehung zwischen Ram und Lilli, jedoch wird zu Anfang des Films klar, dass Ram’s Interesse zuerst der Afroamerikanerin Connie galt. Dies lässt darauf schließen, dass Ram – als weißer Musiker in der afroamerikanisch-dominierten Jazzszene – antirassistische Ideale vertritt. Denn er lebt in den Tag hinein, hat offensichtlich viele weibliche Bekanntschaften und nimmt den Life-Style sowie die Mentalität der Jazzmusiker an. Diese Freigeister der schwarzen Subkultur werden von Autoren – wie Marty Jezer und Norman Mailer – auch als Hipster bezeichnet. Sie gehören einer Subkultur bzw. Bohème – bestehend aus Afroamerikanern, Zigeunern und anderen Minderheiten – an und waren „von dem Wunsch der angelsächsischen Avantgarde getrieben, sich von dem Weißen an und in sich zu lösen und das coole Wissen und die exotische Energie, die Lust und die Gewalt der Afroamerikaner zu erlangen“ (Mark Greif 2012, S. 26).

Ram passt sich zwar einerseits dem Life-Style der Jazzmusiker an, jedoch bleibt er stets zielorientiert und auf seine musikalische Karriere bedacht. In der Anfangsszene wird bereits deutlich, dass er viel Wert auf die Meinung von Eddie legt und sich nicht damit zufrieden gibt, lediglich gut zu spielen, sondern ein herausragender Musiker sein möchte. Außerdem versucht er seinem Freund, dem drogensüchtigen Zigeuner-Gitarristen Michel Gypsy Devigne, aus seiner Misere zu helfen und bedauert dessen Gleichgültigkeit und Verschwendung seines musikalischen Talents.

Das Gegenstück zum Hipster sind Squares, die nach Sicherheit streben und sich an politische Verhältnisse anpassen. In Paris Blues sehe ich die beiden amerikanischen Touristinnen, die Lehrerin Connie sowie die zweifache, jedoch geschiedene Mutter Lilli, als Squares. Denn sie verkörpern konservative Ideale und die Frage der Sicherheit. Norman Mailer beschreibt in seinem Essay „The White Negro“ wie der Afroamerikaner als Idol für den aufgeklärten weißen Amerikaner gelten kann:

„The cameos of security for the average white: mother and the home, job and the family, are not even a mockery to millions of Negroes; they are impossible. The Negro has the simplest of alternatives: live a life of constant humility or ever-threatening danger. […] Knowing in the cells of his existence that life was war, nothing but war, the Negro (all exceptions admitted) could rarely afford the sophisticated inhibitions of civilization, and so he kept for his survival the art of the primitive, he lived in the enormous present, he subsisted for his Saturday night kicks, relinquishing the pleasures of the mind for the more obligatory pleasures of the body, and in his music he gave voice to the character and quality of his existence […] ” (Mailer, 1953 S. 75)

Paris Blues wird insbesondere durch den Auftritt des Star-Jazz-Trompeters Louis Armstrong und der Film-Musik von Duke Ellington ausgezeichnet. Die Szene, in welcher Louis Armstrong, als Wild Man Moore, die beiden Protagonisten sowie den Gitarristen Michel bei einer Jam-Session zu einem Improvisationsspiel herausfordert, zeigt deutlich, dass dennoch Ram der dominierende Musiker der Gruppe ist, da dieser sowohl vom Publikum als auch von Louis die meiste Aufmerksamkeit und Bewunderung erhält. Außerdem wird in dieser Szene durch das Improvisationsspiel der Jazz Spirit jener Zeit spürbar. (1h00’08“)

Das Ende des Films bleibt in gewisser Weise offen, denn Ram und Eddie begleiten ihre Geliebten nicht zurück nach Amerika. Zwar verspricht Eddie, dass er nachkommen würde, jedoch endet der Film lediglich mit seinem Versprechen. Dies bedeutet, dass sich die Musiker, insbesondere Ram, für ihre individuelle Freiheit entscheiden. „The hipster may be a jazz musician; he is rarely an artist, almost never a writer. […] It is tempting to describe the hipster in psychiatric terms as infantile, but the style of his infantilism is a sign of the times … As the only extreme nonconformist of his generation, he exercises a powerful if underground appeal for conformists, through newspaper accounts of his delinquencies, his structureless jazz, and his emotive grunt.“ Diese kindhafte Eigenschaft des Hipsters, wie sie Caroline Bird in der Einleitung zu Mailers „The White Negro“ beschreibt, trifft daher auch auf Ram zu. Gegen Ende des Films sagt er zu Lilli: „Maybe you just picked the wrong guy for what you want […] I’m not an American.“ Somit bleibt er als Nonkonformist und nie-erwachsen-werdender Freigeist der goldenen Zeiten des Jazz und der Bürgerrechtsbewegung in Erinnerung.

Literatur:

Greif, Mark, Hipster. Eine transatlantische Diskussion, Berlin: Suhrkamp 2012; (Orig. „What Was the Hipster? A Sociological Investigation“, n+1, New York, 2010).

Jezer, Marty. The Dark Ages: Life in the United States 1945-1960, South End Press 1982.

Mailer, Norman, „The White Negro“, http://www.dissentmagazine.org/online_articles/the-white-negro-fall-1957, Fall 1957.

Meckna, Michael, „Louis Armstrong in the Movies. 1931–1969“, Popular Music and Society 29/3, 2006, S.359-373.

Petigny, Alan, „’The White Negro‘ and new conceptions of the self in postwar America.“ The Mailer Review 1/1, Fall 2007, S.184.

Steele, Shelby, „The age of white guilt: and the disappearance of the black individual.“ Harper’s Magazine 305, November 2002, S. 33-42.

Autor: Veronika Beringer – a1103950

Redaktion: Christina Wintersteller – a1021267

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