On the Waterfront (1954)

Gepostet am Aktualisiert am

Columbia Studios, USA 1954, 108 Minuten, schwarzweiß
Deutscher Titel: „Die Faust im Nacken“
Regie: Elia Kazan
Drehbuch: Budd Schulberg
Produktion: Sam Spiegel
Kamera: Boris Kaufman
Musik: Leonard Bernstein
Besetzung: Marlon Brando [Terry Malloy], Eva Marie Saint [Edie Doyle], Lee J. Cobb [Michael J. Skelly; „Big“ John; Johnny Friendly], Karl Malden [Father Barry], Rod Steiger [Charley Malloy; „The Gent“].

On the Waterfront erzählt die Geschichte des ehemaligen Boxers Terry Malloy (Marlon Brando) und seinem Streben nach einem besseren Leben. Der von Korruption, Unterdrückung und Brutalität durchzogene Alltag an den New York-Jersey-Docks, wird von Gang-Leader John Friendly (Lee J. Cobb) angeführt, durch dessen erbarmungslose Vorgehensweisen, jede Art von Widerstand und Auflehnung der Anwohner und Arbeiter, im Keim erstickt werden. Terry Malloy wird von Friendly genötigt, den sich den Gangstern widersetzenden Joe Doyle, unter Vorwand aufs Dach zu lockern, wo er von seinen Männern kaltblütig ermordet wird. Am Boden zerstört über den Vorfall, beschließt die Schwester des Verstorbenen Edie Doyle (Eva Marie Saint) gemeinsam mit dem Priester Father Barry (Karl Malden), den Mord aufzuklären. Terry, der Friendly’s Crew stets als eine Art Familie angesehen hat, sieht sich angesichts Joes Todes nun im Zwiespalt darüber gegen ihn auszusagen und das „Richtige“ zu tun – seine langjährigen Freunde also somit verraten zu müssen. Angetrieben von seiner Liebe zu Edie und auf Father Barry’s Drängen hin, beschließt Terry, nach einem zweiten Mord in den Docks, gegen Friendly auszusagen, woraufhin sein Bruder Charley ermordet wird. Terry schwört Rache, wird jedoch von Father Barry dazu gebracht, tatsächlich seine Aussage zu machen, und so das Regime, dem die gesamte Gegend unterworfen ist, zu brechen. Aufgrund seines Denunzierens wenden sich nun alle ehemals mit ihm befreundeten Personen von ihm ab, zumal sie ihre Existenz, die von Friendly’s Gewerkschaft abhängig ist, in Gefahr sehen. Angesichts der Gefängnisstrafe, die John Friendly bevorsteht, sehen sich die meisten von ihnen als bereits arbeitslos, zumal Friendly’s ausbeuterische Hafengewerkschaft der einzige Ort ist, an dem man noch Arbeit finden konnte. Im Finale stellt sich Terry dem Gangsterboss, was, vor den Augen der gesamten Arbeiterschaft, in einem brutalen Handgemenge ausartet. Am Boden liegend und schwer verletzt, rafft sich der nun Jesus-ähnliche Terry nach den Worten Father Barry’s erneut auf, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hat. Mit letzter Kraft kämpft er sich durch die Menschenmenge hin zu einem Tor, in welchem ein anderer Gewerkschaftsboss bereits auf Arbeiter wartet. Mit seinen letzten Kräften tritt Terry humpelnd in die Halle ein und die Arbeiter, die nun erkannt haben, dass seine Absichten „gute“ waren, folgen ihm.
On The Waterfront wird als einer der besten Filme aller Zeiten gehandhabt, zum einen weil es eine der ersten Hollywood-Produktionen war, in der das neue Method-Acting zum Einsatz kam, was Regisseur und vormals Schauspieler Elia Kazan während seiner Zeit am Group College selbst erlernt hatte. Zum anderen erlangte der Film wegen seiner neorealistischen Züge, seiner politischen und sozialkritischen Bedeutung und aufgrund der Produktionshintergründe, die ähnlich brisant wie der Film selbst waren internationalen Bekanntheitsgrad.
Während seiner Zeit am Group College in New York war Kazan Mitglied einer kommunistischen Organisation und wurde deshalb, wie viele seiner Kollegen in Hollywood, während der McCarthy-Ära von der Regierung genauer ins Visier genommen. Drehbuchautor und Kazans Freund Arthur Miller, ebenfalls ein einst passionierter Kommunist, recherchierte zu seiner Zeit die Umstände des alltäglichen Lebens an der „Wasserfront“, wo die korrupten Hafengewerkschaften ein allbekanntes Problem darstellten, aber von der Regierung schwierig zu bekämpfen waren. Hierzu unternahm er mehrere Reisen und führte zahlreiche Interviews mit Anwohnern und Arbeitern, um mit den gesammelten Informationen ein Drehbuch zu schreiben, was von Elia Kazan verfilmt werden sollte. Wegen der immer mehr an Bedeutung gewinnenden Bedrohung des Kommunismus war auch die Regierung zunehmend unter Druck geraten, gerade diejenigen, die Personen der Öffentlichkeit waren, Kommunismus nicht propagieren zu lassen, weshalb der Großteil der Sympathisanten auf die sog.„Schwarze Liste“ gesetzt wurden. Konfrontiert mit seiner Vergangenheit als Kommunist, sollte Kazan vor dem HUAC aussagen, welche seiner Kollegen noch Teil der Partei waren. Er weigerte sich zunächst eine Aussage zu machen, entschied sich jedoch kurz darauf dagegen, und nannte sechs der Regierung bereits bekannten Namen. Am Tag darauf war sein „Verrat“ – wie es von vielen bezeichnet wurde – auf der Titelseite der New York Times, was ihn viele Freundschafen kostete. Hierzu schrieb er folgendes: „Concerned friends have asked why I didn’t take the „decent alternative“, tell everything about myself and not name the others in the Group. But in the end it was not what I wanted. […] I wanted to help break open the secrecy.“ (Kazan, S. 464)
Auch Arthur Miller, der das ursprüngliche Drehbuch zu On The Waterfront schreiben sollte, wandte sich ab von Kazan und verweigerte jede weitere Arbeit mit ihm. In den Kreisen des Group College wurden viele aufgrund Kazans Aussage auf die schwarze Liste gesetzt, was zur Folge hatte, dass sie in den Vereinigten Staaten fortan keine Arbeit mehr finden konnten. Hierzu schrieb Kazan: „Now came a storm of anger against me and, among close friends, sick-hearted disappointment. Molly [seine Ehefrau] thought I was being unfairly reviled. She urged me to write a statement explaining myself to the public. I said that was not my way, that I didn’t feel I owed anyone an explanation, my act explained itself; nor did I feel compelled to share my experience with friend or foe.“(Kazan, S. 464)
Elia Kazan war der kommunistischen Partei schon während seiner Mitgliedschaft mit Zwiespalt entgegen getreten und kritisierte vor allem die Führungspersonen und „the pretense that they stand for the very things which they kill in their own countries … free speech, a free press, the rights of property, the rights of labor, radical equality and, above all, individual rights“. (Braudy, S.21). Somit sah sich Kazan in seinem Tun vollkommen im Recht. Er wollte die Heucheleien der Kommunisten beenden und ebnete so – bewusst oder unbewusst – seine Karriere, wie sie unter anderen Umständen nicht hätte verlaufen können. Der schließlich als „Verräter“ populär gewordene Regisseur, ging dennoch weiterhin seiner Berufung nach und war bereit so schnell wie möglich, den nächsten Film zu drehen, in der Hoffnung, dadurch schneller den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Drehbuchautor Budd Schulberg, der damals selbstständig zu den Docks und den Gewerkschaften an den Häfen recherchierte, musste Anfang der 50er Jahre selbst vor dem HUAC aussagen und sah sich gezwungen, Namen anderer Beteiligter zu nennen. Aufgrund der ähnlichen Situation, schrieb Schulberg Kazan einen verständnisvollen Brief und lud ihn und seine Frau bald darauf zu einem Besuch auf seiner Farm in Pennsylvania ein. Als sich herausstellte, dass sowohl Schulberg als auch Kazan Interesse an einem Projekt über die Korruption der Hafengewerkschaften in New Jersey hatten, beschlossen sie, zusammen zu arbeiten. Schulberg verfasste in Zusammenarbeit mit Kazan acht Skriptversionen bevor die letzte Version On The Waterfront schließlich zur Filmvorlage wurde.
Kritikern zufolge behandelt Kazan in On The Waterfront den Konflikt, in dem er sich selbst befand, als er Freunde und Bekannte vor dem HUAC öffentlich denunzierte. Die Figur Terry kann man hier mit Kazans ähnlicher Situation vergleichen. Zum einen stimmte er nicht mit den moralischen Ansprüchen und Vorgehensweisen des Anführers der kommunistischen Partei überein; zum anderen sah er sich gezwungen, diejenigen, die er einst Freunde nannte, der Regierung auszuliefern, stellt jedoch den Anspruch, dass dies alles unter einem moralisch wertvolleren Hintergrund geschah, Terry – wie auch vielleicht Kazan – zu edle Absichten hatte, sodass er zunächst verleugnet und verstoßen wurde. Kazan war nicht einverstanden, wie idealisiert und verfälscht der Kommunismus in der Sowjetunion dargestellt wurde. Des Weiteren spielte seine persönliche Verärgerung darüber, wie er während seiner Zeit im Group College aus der kommunistischen Partei geradezu „hinausgeekelt“ wurde, eine große Rolle. Er sah sich selbst zwischen zwei Fronten, ähnlich wie Protagonist Terry, der sich zwischen den zwei Übeln für das ekeln Geringere entscheidet, was Kazan letztlich auch getan hat. Der Film unterscheidet sich insofern, dass Terry am Ende des Films – ähnlich wie Jesus am Kreuz – von seinen Mitmenschen doch noch verziehen wird, als sie bemerken, dass er nicht eigensinnig, sondern in deren Interesse gehandelt hat. In seiner Autobiografie formuliert er: „I felt, that essentially I had a choice between two evils, but the one thing I could not see was (by not saying anything) to continue to be a part of the secret manoeuvring and behind-the-scenes planning that was the Communist Party as I knew it. […] Right or wrong, it wasn’t anything I made up, I was convinced of it.“ (s. Baer, S.159. Michel Ciment’s Interview mit Kazan, 1974)
Als Marlon Brando von Kazan gefragt wurde, ob er Terry spielen wolle, lehnte dieser, verärgert aufgrund der vorangegangenen Ereignisse zunächst ab, weshalb Frank Sinatra für die Rolle vorgesehen war. Brando und Kazan konnten ihre Differenzen jedoch beiseite legen, was Brando den Oscar einbrachte. Die Figur Terry ist eine Figur, die man in ähnlicher Form auch im italienischen Neorealismus antreffen kannte. Der in einer durch Wirtschaftskrise und Weltkrieg zerschellten Arbeiterschicht aufwachsende junge Mann, muss seinen Traum, Profi-Boxer zu werden, aufgeben, um sich dem in den Docks herrschenden System zu fügen und seinen Platz als angesehenes Mitglied zu sichern. Terry, der Zeit seines Lebens nur die Docks kennenlernen durfte, fühlt sich dort dennoch nicht zu Hause. Niemals wird sein Zuhause oder das seines Bruders gezeigt, sondern stets der Hafen oder die Kneipe, der Gang, wo sie sich regelmäßig treffen. Terry ist ein klassisches Beispiel für einen Jungen aus der Arbeiterschicht, der auf der Suche nach Glück, aufgrund fehlender Erziehung und anderer Umstände, den „falschen Weg“ eingeschlagen hat und sich nun in der Zwickmühle zwischen Recht und Unrecht sieht. All das geschieht in einem Rahmen, der zur damaligen Zeit durchaus Aktualitätscharakter besaß, zumal die schier unbesiegbare Korruption der Hafengewerkschaften ein allbekanntes Problem darstellte. Als On The Waterfront in die Kinos kam, wurde seitens der Regierung kritisiert, die Korruption in den New York – Jersey – Docks sein komplett erfunden. Aufsehen erregte der Film deshalb, weil er einem Realismus folgend, den brutalen und nicht-beschönigten Alltag der Dock-Arbeiter abbildete, der durchzogen war von Arbeitslosigkeit, Gewalt, Unterdrückung, Hoffnungslosigkeit und schlichter Armut. Diese düstere Darstellungsweise, die durch die Schwarz-Weiß-Ästhetik noch mehr unterstrichen wird, war im damaligen Hollywoodkino eine absolute Neuheit und stieß auf ambivalente Kritiken.
Auf politischer Ebene kritisiert der Film absolutere und unterdrückende Systeme, die die untere Mittelschicht zu ihrer Bereicherung ausbeuten. Kazan pointiert hier gezielt Systeme, deren Einfluss außerhalb der Reichweite der Regierung liegt und der sie machtlos gegenübersteht. Der Charakter des Father Barry spielt in dieser Hinsicht eine sehr wichtige Rolle, zumal er derjenige ist, der furchtlos die Anwohner und Arbeiter zum Widerstand gegen die Gewerkschaft aufruft und ermutigt. Father Barry steht für den Freiheitskämpfer, der um den Krieg zu gewinnen, auch Opfer riskiert. In Terry findet er die Person, die alles einschlägig verändern könnte. Passioniert führt er ihn zum richtigen Weg.

On The Waterfront wurde mit acht Oscars ausgezeichnet und ging nicht ohne Grund in die Filmgeschichte ein. Eine Mischung aus Realismus, Melodrama und Film Noir thematisieren in On The Waterfront Dynamiken und Muster, die nicht an Aktualität verloren haben. Kazan zeigt eine sozialkritische Perspektive auf die sozialen Brennpunkte der USA, in der zwischen lauter „Aniti-Kommunismus-Propaganda“ kaum noch Platz für die „wirklichen“, die „realistischen“ Probleme im Land zu finden war. Kazan distanziert sich sowohl vom Kommunismus als auch von der US-amerikanischen Regierung und weist auf die Dinge hin, die damals tatsächlich von Bedeutung sein sollten. Elia Kazan und Budd Schulberg leisteten großartige und beeindruckende Arbeit, zu einer Zeit, in der eine solche Form von Kritik von vielen Seiten für unmöglich gehalten wurde.

Literatur:
Baer, W. (Hg.) (2000). Elia Kazan.Interviews. Mississippi: University Press.
Braudy, L. (2005). On The Waterfront. London:BFI.
Georgakas, D. (1992). The Hollywood Blacklist. In: Modern American Poetry. Illinois: University Press. http://www.english.illinois.edu/maps/mccarthy/blacklist.html ; (Zugriff am 27.01.2013)
Kazan, E. (1998). Elia Kazan. A Life. New York: Da Capo Press.

Autorin: Johanna Gutscher
Redakteurin: Anastasia Muntaniol

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