Body and Soul (1947)

Gepostet am Aktualisiert am

USA, 104 min, s/w

Regie: Robert Rossen

Drehbuch: Abraham Polonsky

Produzent: Bob Roberts

Musik: Hugo Friedhofer

Kamera: James Wong Howe

Schnitt: Robert Parrish, Francis Lyon

Studio: The Enterprise Studios

Filmverleih: United Artists

HauptdarstellerInnen: John Garfield (als Charlie Davis), Lilli Palmer (als Peg Born), Hazel Brooks (als Alice), Anne Revere (als Anna Davis), William Conrad (als Quinn), Joseph Pevney (als Shorty Polaski), Lloyd Gough (als Roberts), Canada Lee (als Ben Chaplin), Art Smith (als David Davis)

Verfügbarkeit des Films: Der Film ist online käuflich erwerbbar.

Der jüdische Immigrantensohn Charlie Davis gibt sich nach dem plötzlichen Tod seines Vaters vermehrt der bezahlten Boxerei hin, um sich selbst und seine Mutter, die jedoch von Beginn an moralische Einwände gegen seine kämpferischen Ambitionen hat, aus der Armut zu befreien. Bald lernt er seine spätere Verlobte, die emanzipierte Künstlerin Peg kennen, die seinen Traum von Erfolg und Unabhängigkeit unterstützen will und ihn anfangs ermutigt, von einem Boxring in den nächsten zu steigen. Charlie gewinnt Kampf um Kampf und wird zu einer Berühmtheit in der Szene. Seine steile Karriere zieht den skrupellosen, in der Boxszene sehr einflussreichen Drahtzieher-Ganoven Roberts an, mit dem Charlie einen exklusiven Deal eingeht. Nun regnet es massenhaft Geld, aber auch Probleme. Hin- und hergerissen zwischen der Welt der korrupten Reichen, die für Geld und Macht über Leichen gehen, und den rechtschaffenen, kritischen Familienangehörigen und Freunden, droht seine heile Welt auseinanderzubrechen.

Charlie wird naiv dargestellt, als Opfer des kapitalistischen Systems, das in alle Lebensbereiche Einzug hält; angezogen von der glitzernden Welt der Reichen und Schönen, drückt er bei so manchen Geschehnissen schnell ein Auge zu, auch wenn er spürt, dass Unrecht passiert. Er will unbedingt raus aus der Unterschichtenmisere, er will den amerikanischen Traum leben (der in Body and Soul kritisch behandelt wird, da er Hand in Hand mit dem Kapitalismus geht). Seine Mutter redet auf ihn, findet aber nicht wirklich Zugang zu ihm, weil sie seine Leidenschaft von vornherein missbilligt und ihn immer wieder zur einer herkömmlichen Ausbildung überreden will. Anders verhält es sich mit Peg; moralisch steht sie zwar auf der Seite von Charlies Mutter, ihre Meinung erfährt bei ihm jedoch einen anderen Stellenwert, weil er merkt, dass sie sein Glück aufrichtig unterstützen will, solange sie es mit ihren Prinzipien vereinbaren kann. Sie ist sein gutes Gewissen, zeigt ihm Werte auf und ist für ihn immer zumindest als wohlwollende Freundin da. Er respektiert ihre Meinung, entscheidet sich im Laufe der Zeit zwar gegen sie, weil er seine Karriere und die damit einhergehenden materiellen Annehmlichkeiten (noch) nicht aufgeben will, erkennt aber letztendlich, dass Geld allein nicht glücklich macht, sehnt sich zu ihr zurück und setzt ein Zeichen, indem er im entscheidenden Kampf um den Championtitel nicht absichtlich um der Wetteinsätze wegen verliert; der geplante Betrug platzt, Charlie wechselt endlich und endgültig von der Seite der profitorientierten Schurken zur Seite der Guten und Gerechten.

„The opposition between business and family, widely recognized in the gangster film, is shared by the boxing genre and points to the broader conflict within American culture between the individual and the community.“

(Grindon, Leger: Body and Soul: The Structure of Meaning in the Boxing Film Genre. In: Cinema Journal 35,4, 1996, S. 61)

Thom Andersen identifiziert Body and Soul als Film gris; so wird die Kritik am Kapitalismus filmisch nicht an einem Individuum festgemacht, sondern an der Gesellschaft und ihrem (schlechten) Einfluss auf den Einzelnen. Der Fokus wird im Film gris weniger auf die Fehler des Übeltäters gelegt, als vielmehr auf dessen persönliche Entstehungsgeschichte, auf dessen Umfeld, das ihn zur Untugend verleitet (hat). Die negativen Auswüchse der Gesellschaft manifestieren sich also im Individuum, der den vorherrschenden Ansprüchen und Zwängen der Gesellschaft – Leistungsdruck und Konsumrausch bei Body and Soul – kaum bzw. nur schwer entkommen kann, und folglich im Zwischenmenschlichen, in Wort und Tat. Die Inhalte werden semidokumentarisch präsentiert, was der moralisierend-didaktischen Aufklärung des jeweils vorliegenden Falles zuträglich ist.

Body and Soul wurde am 22. August 1947 veröffentlicht – etwa zwei Monate vor der Ladung einer Handvoll Kunstschaffender vor das U.S. Congressional House Committee on Un-American Activities (HUAC) und etwa drei Monate vor dem Inkrafttreten der ersten offiziellen Blacklist.

Robert Rossen war von 1937 – 1947 Mitglied der Kommunistischen Partei, Polonsky als überzeugter Marxist seit Ende der 1930er-Jahre.

Rossen, Polansky und Garfield mussten HUAC Anti-Communist Hearings beiwohnen. Das Resultat: Rossen and Polonsky kamen auf die schwarze Liste und Garfields Karriere wurde, nachdem er  den Kommunismus zwar als Tyrannei anprangerte, aber verweigerte, Namen von Kommunismussympathisanten zu nennen, blockiert.

Ein Ausschnitt aus dem Statement, das Garfield den Komiteemitgliedern vorlas: „I have nothing to hide and nothing to be ashamed of. My life is an open book. I am no Red. I am no ‚pink.‘ I am no fellow traveler. I am a Democrat by politics, a liberal by inclination, and a loyal citizen of this country by every act of my life.“

1952 verstarb er im Alter von 39 Jahren an einer Herzattacke. Abraham Polonsky meinte dazu: „The Group trained him, the movies made him, the blacklist killed him.“ (Maland, Charles J.: Film Gris: Crime, Critique and Cold War Culture in 1951. In: Film Criticism 23, Spring 2002, S.5)

Kurz nach Garfields Tod stellte der Ausschuss die Nachforschungen um ihn ein.

Fast jeder, der an Body and Soul mitgewirkt hatte, wurde letztendlich wegen „unamerikanischer Aktivitäten“ bestraft.

Conclusio:

Body and Soul ist nicht nur ein Boxfilm, der mit seiner oscarprämierten Schnitttechnik und der innovativen Kameraführung (James Wong Howe filmte die Kampfszenen im Ring in Rollerskates mit einer Handkamera) spätere Boxfilme (wie Raging Bull oder Rocky) zu beeinflussen vermochte, sondern vor allem ein systemkritischer, gesellschaftskritischer und sozialkritischer Film, der es  geschafft hat, politische Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als einer der ersten amerikanischen Filme, der den Kapitalismus anprangert, wird er als „the highest achievement of the American Left in cinema before the onset of repression“ angesehen. (Stanfield, Peter: A Monarch for the Millions: Jewish Filmmakers, Social Commentary and the Postwar Cycle of Boxing Films. In: Film Studies, Issue 7, Winter 2005, S. 67)

Body and Soul operiert auf mehreren Problemebenen und verknüpft diese gekonnt zu einem runden Ganzen: persönliche Krise, Generationenkonflikt, Freund und Feind, Entscheidungsnot, Liebesgeschichte, Boxerstory, zwischenmenschliches Versagen, Erkenntnisprozess, Schuldbekenntnis, Leben und Tod, Moralfragen, gesellschaftliche Relevanz, Systemzwang, politisches Statement.

„The fundamental problems or conflicts in the boxing film can be organized into four categories: body versus soul; opportunity versus difference; market values versus family values; and, finally, anger versus justice. These four related conflicts shape the more apparent conventions of plot, character, and setting.“

(Grindon, Leger: Body and Soul: The Structure of Meaning in the Boxing Film Genre. In: Cinema Journal 35,4, 1996, S. 54)

Ausgezeichnet wurde Body and Soul mit einem Academy Award für Best Film Editing (Robert Parrish, Francis Lyon, 1948). Zwei weitere Nominierungen (Best Actor in a Leading Role: John Garfield; Best Writing, Original Screenplay: Abraham Polonsky) im selben Jahr und der zweite Platz der New York Film Critics Circle Awards in der Kategorie Best Actor (John Garfield, 1947) zeugen von der Popularität und Kraft dieses Filmes.

Literatur:

Andersen, Thom: Red Hollywood. In: Literature and the Visual Arts in Contemporary Society. Ed. Suzanne Ferguson and Barbara Groseclose, Columbus, Ohio State University Press, 1985, S. 182-191.

Buhle, Paul: Abraham Lincoln Polonsky’s America. In: American Quarterly, Vol. 49, No. 4, Dez. 1997, S. 874-881.

Buhle, Paul and Dave Wagner: A Very Dangerous Citizen: Abraham Lincoln Polonsky and the Hollywood Left. Berkeley: University of California Press, 2001.

Casty, Alan: The Films of Robert Rossen. In: Film Quarterly, Vol. 20, No. 2 (Winter), 1966-1967, S. 3-12.

Grindon, Leger: Body and Soul: The Structure of Meaning in the Boxing Film Genre. In: Cinema Journal 35,4, 1996, S. 54-69.

Hirsch, Joshua: Film Gris Reconsidered. In: Journal of Popular Film & Television. 34;2. Summer 2006, S. 82-93.

Johnson, William: John Garfield. In: Film Comment, 33, 1997, S. 28-37.

Litvak, Joseph: The Un-Americans: Jews, the Blacklist, and Stoolpigeon Culture. Durham, N.C.: Duke University Press, 2009.

Maland, Charles J.: Film Gris: Crime, Critique and Cold War Culture in 1951. In: Film Criticism 23, Spring 2002, S. 1-26.

Neve, Brian: Red Hollywood. In: Historical Journal of Film, Radio and Television, 19 (1), 1999, S. 129-135.

Neve, Brian: The Hollywood Left: Robert Rossen and Postwar Hollywood. In: Film Studies, An International Review, 7, 2005, S. 54-65.

Nickel, John: Disabling African American Men: Liberalism and Race Message Films. In: Cinema Journal, 44, 1. Fall 2004, S. 25-48.

Singer, Marc P.: Fear of the Public Sphere: The Boxing Film in Cold War America (1947-1957). In: Film & History, Vol. 31.1, 2001, S. 22-27.

Stanfield, Peter: A Monarch for the Millions: Jewish Filmmakers, Social Commentary and the Postwar Cycle of Boxing Films. In: Film Studies, Issue 7, Winter 2005, S. 66-83.

Swindell, Larry: Body and Soul: The Story of John Garfield. New York: William Morrow and Company, 1975.

Online-Quellen:

http://www.imdb.com/title/tt0039204/maindetails (Letzter Zugriff: 28.01.2013)

http://www.noiroftheweek.com/2009/05/body-and-soul-1947.html (Letzter Zugriff: 28.01.2013)

http://filmsnoir.net/film_noir/body-and-soul-1947-everybody-dies.html (Letzter Zugriff: 28.01.2013)

http://sensesofcinema.com/2005/great-directors/polonsky/ (Letzter Zugriff: 28.01.2013)

http://www.nytimes.com/1999/10/29/movies/abraham-polonsky-88-dies-director-damaged-by-blacklist.html?pagewanted=1 (Letzter Zugriff: 28.01.3013)

Autorin: Kerstin Pachschwöll (0904025)

Redakteurin: Selina Stritzel (1007535)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s