Tell Them Willie Boy Is Here (1969)

Gepostet am Aktualisiert am

USA. 1969. Universal Pictures. in Farbe. 94min.

  • Deutscher Titel: Blutige Spur
  • Regie: Abraham Polonsky
  • Drehbuch: Abraham Polonsky, Harry Lawton (Literaturvorlage)
  • Kamera: Conrad L. Hall
  • Produzent: Jennings Lang, Philip A. Waxmana
  • Darsteller: Robert Blake, Robert Redford, Katharine Ross

Fünf weißhäutige Männer in einem Saloon, verwickelt in ein Gespräch über eine Parade zugunsten des amerikanischen Präsidenten. Ein dunkelhäutiger, junger Mann betritt den Raum. Die Männer wenden sich diesem zu und folgen aufmerksam seinem stolzen Gang. Einer der weißen Männer spricht zu einem anderen: „Sie geben ein Essen für Taft im Missionshaus und haben einen so großen Sessel gebaut, dass seine 300 Pfund sogar rein passen.“ Der Angesprochene entgegnet: „Ohne mich zu fragen? Ist das denn demokratisch, meinen sie? Mein schwer erarbeitetes Geld nehmen und dem Präsidenten davon einen Sessel bauen? […] Ich werde euch sagen was Demokratie ist. Der Indianer ist ein Beispiel. Wir lassen ihn kommen und gehen wie es ihm gefällt. Als ob ihnen das Land gehören würde. Genau so, als ob er ein Weißer wäre.“ Die Kamera schwenkt zu dem Indianer, welcher verächtlich auf den Boden spuckt; der weißhäutige Saloongast fährt fort: „Das nenne ich Demokratie. Echte Demokratie!“

Abraham Polonskys 1969 erschienenes Westerndrama TELL THEM WILLIE BOY IS HERE bezeugt eindrucksvoll, was Demokratie nicht ist. Der zweite von Polonsky gedrehte Spielfilm, welcher rund 20 Jahre nach seinem Regiedebüt FORCE OF EVIL (1948) in den Lichtspielhäusern Amerikas zu sehen war, handelt von Willie Boy, einem jungen Indianer, dessen Liebe zu Lola von deren Familie nicht geduldet wird. Als das Paar bei einem ihrer heimlichen Treffen von Lolas Vater und dessen Sippe überrascht wird, begeht Willie Boy den folgenschweren Fehler und erschießt Lolas Vater. Verfolgt von der fanatischen Rachelust der weißhäutigen Dorfbewohner, flüchten Willie und Lola in die Weiten der Wüste, wo die Menschenjagd mit dem Tod des jungen Paares ihr Ende findet.

Während das auf wahren Geschehnissen beruhende Westerndrama unzweifelhaft als intensive Dokumentation der rassistisch motivierten Verfolgung an den indigenen Völkern Amerikas dient, offenbart eine aufmerksame Auseinandersetzung mit Abraham Polonskys Vergangenheit einen weiteren, autobiografisch motivierten Vorwurf gegen das US-amerikanische Demokratieverständnis. Der 1910 in New York City geborene Regisseur und Drehbuchautor befand sich wegen seiner Verschwiegenheit über eigene und kommunistische Aktivitäten anderer Kollegen, für eine Dekade auf der Schwarzen Liste des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Wie auch der Protagonist seines zweiten Spielfilms, Willie Boy, war Polonsky seit Ende der 1940er Jahre einer „Hexenjagd“ ausgesetzt, welche in einer langjährigen Zerstörung seiner Karriere gipfelte. Auch wenn Polonsky bekräftigte, dass TELL THEM WILLIE BOY IS HERE kein Film über Indianer, sondern vielmehr über Polonskys eigene Geschichte sei, enthält das Westerndrama eine Vielfalt kritischen Inhalts, welcher zu einer Einstufung als „anti-amerikanisches Werk“ geführt hätte und somit auch eine Verurteilung Polonskys nach Auffassung des Komitees für unamerikanische Umtriebe gerechtfertigt.

Dieser kritische Inhalt in TELL THEM WILLIE BOY IS HERE wird insbesondere durch die explizite und fortwährende Demonstration von Rassismus und einer strengen Hegemonie der weißhäutigen Bevölkerung sichtbar. Während Polonskys Spielfilm durchweg mit verächtlichen Beschimpfungen der weißen Bevölkerung gegenüber den indigenen Menschen gespickt ist, erkennt man die soziale Unrechtmäßigkeit vor allem in den unterschiedlichen Privilegien der beiden Liebespaare: Wo Deputy Sheriff Cooper seine Romanze mit der weißhäutigen Dr. Elizabeth Arnold offiziell und komfortabel im eigenen würdevollen Anwesen genießen kann, gestattet das Gesetz dem indigenen Liebespaar dagegen ausschließlich die heimlich verabredeten Treffen nach Einbruch der Dunkelheit. Diesem Missverhältnis stets bewusst, bringt Willie Boy seinen Unmut über die eigene geringwertigere Existenz unmittelbar zum Ausdruck und vergleicht seine Beziehung zu Lola mit dem Verhältnis zwischen Cooper und Arnold: „Was ist mit ihr und dem Sheriff? Sie schlafen miteinander, wie wir beide – wir haben nur kein Bett dafür.“

Ein Vergleich der beiden Beziehungen offenbart weiterhin einen gewaltigen Kontrast zwischen der Ernsthaftigkeit, die diese Liebschaften zur Folge haben. Statt Freude über das uneingeschränkte Ausleben zu empfinden, befinden sich Sheriff Cooper und seine Geliebte in einem endlosen Konflikt, dessen Wesen ausschließlich aus Nichtigkeiten besteht. Während Willie Boy und Lola ihr Leben für ihre Bindung zueinander opfern, überschattet der triviale Streit des weißhäutigen Paares deren Wertschätzung für ihre gesellschaftlich anerkannte Beziehung.

Polonskys Demonstration des Rassismus im Westen der Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhundert, erfährt ihre Prekarität jedoch nicht ausschließlich durch die unmissverständliche Darstellung der Klassengesellschaft, sondern insbesondere durch das spöttische Bild, mit welchem er die weißhäutige Bevölkerung herabwürdigt und bloßstellt. Polonsky präsentiert den weißhäutigen Mann auf seiner Jagd nach dem isolierten Willie Boy zum einen als rachelustigen Fanatiker, dessen Triebhaftigkeit einzig mit dem Töten des Indianers gesättigt werden kann, zum anderen als unbeholfenen und tollpatschigen Wüstling, dem es nicht gelingt, trotz personeller Übermacht zu Pferde, den barfüßig flüchtenden Willie Boy zu stellen. TELL THEM WILLIE BOY IS HERE ist mit zahlreichen Anspielungen auf die insgeheime, von der weißhäutigen Bevölkerung negierten Überlegenheit der indigenen Bevölkerung übersät. Diese Überlegenheit gipfelt im Heldentod des jungen Indianers: Nach der tagelangen und unfruchtbaren Menschenjagd auf das flüchtende Paar, gelingt es dem weißhäutigen Sheriff letztendlich, Willie Boy zu stellen und zum finalen Zweikampf herauszufordern. Die abgefeuerten Kugeln treffen Willie Boy, beenden die Hetzjagd und präsentieren Sheriff Cooper erneut als den übermächtigen weißen Mann, der schlussendlich über den Indianer triumphiert. Die darauffolgenden Minuten bestätigen jedoch eindrücklich, weshalb Polonskys Westerndrama als anti-amerikanisch klassifiziert werden kann: Der befriedigte Sheriff erkennt, dass der tote Indianer unbewaffnet ist und sich aus eigenem Antrieb seinem Sterben gestellt hat. Willie Boy erhebt sich mit seinem selbstbestimmten Tod somit zu einem Märtyrer, der letztendlich erneut die geglaubte weiße Überlegenheit brüskiert.

Die schonungslose Präsentation des blinden Rassismus und die gleichzeitige Bloßstellung der weißhäutigen Bevölkerung entfalten Abraham Polonskys zweites Regiewerk als ein Paradebeispiel des anti-amerikanischen Spielfilms. Die Kenntnis über Polonskys Vergangenheit als Opfer der Schwarzen Liste und der daraus resultierenden Verachtung gegenüber dem US-amerikanischen Demokratieverständnis, enthüllen TELL THEM WILLIE BOY IS HERE als zutiefst von Wut angetriebenes Werk, dessen Absicht einer Genugtuung Polonskys unaufhörlich spürbar ist. Während Polonskys Spielfilm zweifelsohne, wie von ihm selbst erklärt, als Parabel auf die Hexenjagd während des Bestehens der Schwarzen Liste oder als kritische Auseinandersetzung mit der rassistisch motivierten Verfolgung an den Indigenen Völkern Amerikas gelesen werden kann, offenbart auch das politische Geschehen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Raum für weitere Interpretationsmöglichkeiten. Ähnlich wie weitere zu dieser Zeit erschienene Westernfilme, etwa SOLDIER BLUE (1970), THE WILD BUNCH (1969) oder BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID (1969), erlaubt auch TELL THEM WILLIE BOY IS HERE als von der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung beeinflusst gesehen zu werden. Abraham Polonskys Amerika-kritisches Westerndrama dient somit als universelle und zeitlose Ablehnung gegenüber der US-amerikanischen Demokratieauffassung und beweist somit direkt von der Folgen der Schwarzen Liste beeinflusst zu sein.

Literaturverzeichnis

Schultheiss, John. „A Season Of Fear: The Blacklisted Teleplays Of Abraham Polonsky.“ Literature Film Quarterly 24.2 (1996): 148. Literary Reference Center. Web. 21 Jan. 2013.

Berkeley Art Museum and Pacific Film Archive. (2011). Director Abraham Polonsky in Person [online]. URL: http://www.bampfa.berkeley.edu/film/FN19805 [21.01.2013].

David Walsh. (1999). Blacklisted US film director Abraham Polonsky dead at 88 [online]. URL: http://www.wsws.org/en/articles/1999/10/pol-o30.html [21.01.2013].

„Tell Them Willie Boy Is Here (Film).“ New Republic 161.23 (1969): 20-32. The New Republic Archive (DFG). Web. 21 Jan. 2013.

Autor: Tobias Brust (1200825)

Redaktion: Sandra Hartinger (0846049)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s