Gun Crazy (1950)

Gepostet am Aktualisiert am

Alternative Titel: Deadly is the Female

USA 1950 s/w 86 min

R: Joseph H. Lewis

B: Dalton Trumbo (Millard Kaufmann), MacKinlay Kantor

K: Russel Harlan

M: Victor Young

D: Peggy Cummins, John Dall, Berry Kroeger, Morris Carnovsky, Anabel Shaw, Harry Lewis, Nedrick Young

Der Drehbuchautor Dalton Trumbo, einer der Hollywood Ten, schreibt unter dem Pseudonym Millard Kaufmann das Drehbuch für Gun Crazy. Direkt betroffen von den Verhören der HUAC und den Auflagen des Waldorf Statement sieht sich Trumbo gezwungen, auf dem Schwarzmarkt für Hollywood zu arbeiten. Gun Crazy ist der erste Film Trumbos, der unter einem Pseudonym erscheint. Ebenfalls betroffen von der schwarzen Liste ist Nedrick Young ab 1953, der in Gun Crazy als Schauspieler agiert.

Gun Crazy setzt ein von Waffen und sich selbst besessenes Liebespaar auf der Flucht vor dem Gesetz in Szene. Bart als Waffenfanatiker und Pazifist verliebt sich in die emanzipierte und ebenfalls von Waffen begeisterte Laurie. Gemeinsam begehen sie Raubüberfälle über die ganzen USA verteilt.

Als Bart von seinem Job in der Armee in seine alte Heimat zurückkehrt, genießen er und zwei alte Freunde die auf einem Jahrmarkt angepriesene Schießshow der Engländerin Miss Annie Laurie Starr, die kess als moderne Frau in einem Cowboykostüm mit Hosen auftritt. Nachdem Bart Lauries Herausforderung zum Wettschießen annimmt, verlieben sich die beiden. Das Paar verbringt einige Zeit in einem flitterwochenartigen Zustand, bis ihnen das Geld ausgeht. Daraufhin überredet Laurie Bart, bewaffnete Überfälle zu machen. Bart fällt dieses einsame Leben, bei dem sie ständig auf der Flucht sind immer schwerer. Auch ist er permanent besorgt darum, dass Leute bei den Überfällen zu Schaden kommen könnten. Laurie hingegen liebt den Nervenkitzel und das Töten. Dies führt zu einem unausweichlichen Konflikt, dem sich das rebellische Paar stellen muss. Auch wenn Bart um die tödliche Natur seiner Geliebten weiß, kann er sich in seinem Rausch der Liebe nicht von ihr trennen. So sind die beiden bis zum Schluss gemeinsam auf der Flucht vor dem Gesetz, bis Bart sich gezwungen sieht Laurie zu erschießen, um den Tod eines Unschuldigen durch ihre Hand zu verhindern. Daraufhin findet er ebenfalls den Tod, jedoch durch die Schusswaffe des Polizisten, dessen Leben Bart kurz zuvor noch verschonte.

Gun Crazy wird oft als das ultimative B-Movie bezeichnet. Vielfach hervorgehoben wird der dokumentarische Stil des Filmes. Dies kommt besonders in der Szene des ersten Bankraubes, von der Rückbank aus gefilmt, sehr gut zur Geltung. Dabei handelt es sich um eine einzige Einstellung von mehreren Minuten. Lewis ist bekannt dafür, die Bilder seiner Filme sehr genau zu inszenieren. Eben jene Position der Kamera auf der Rückbank kommt in etlichen weiteren Szenen auch zum Einsatz. Gun Crazy lässt sich leicht dem Film Noir zuordnen, wobei diese Kategorisierung teilweise auch umstritten wahrgenommen wird. Gun Crazy beginnt mit einem für den Noir so beliebten Setting, nämlich dem der nassen, dunklen Straße, und impliziert eben jenes Genre von Beginn an sehr. Es sind auch andere Elemente, wie zum Beispiel Low-Key Beleuchtung und die Figur der Femme Fatale zu erkennen. Allerdings sind sich auch hier Filmwissenschaftler oftmals nicht ganz einig, wenn Laurie als Femme Fatale bezeichnet wird. Letztendlich verbirgt sich hinter dieser formalen Schablone des Noirs allerdings weitaus mehr.

Dazu scheint es relevant die Hauptcharaktere und deren Beziehung etwas genauer anzuschauen, dies besonders mit dem Hintergedanken an den Autor Dalton Trumbo, der zur Zeit der Filmproduktion schon als einer der Hollywood Ten auf der schwarzen Liste steht.

Bart und Laurie verbindet eines ganz stark: die Liebe zu Schusswaffen. Beide sind sie Profis auf diesem Gebiet, mit dem Unterschied, dass Laurie das Töten liebt, Bart hingegen nicht.

Laurie und Bart sind beide Außenseiter in der Gesellschaft der 50er Jahre. Bart hat schon in seinen Jugendjahren eine Affinität für Schusswaffen, und gerät dadurch in eine Gerichtsverhandlung, bei der sich der Richter erhebliche Sorgen um seine Obsession mit Pistolen macht. Er scheint nicht richtig dazuzugehören, er liebt nicht das, was andere Jungs in seinem Alter lieben, sondern spielt lieber mit Waffen. Auch in seinem späteren Job bei der Armee findet er nicht ganz sein Glück, kehrt deshalb zurück an seinen Heimatort und trifft dort auf Laurie.

Laurie hingegen ist eine Frau, die mehr vom Leben will, als den Erwartungen von einer Frau in den 50er Jahren zu entsprechen. Sie ist bereits brutal behandelt worden, und hat auch beim Jahrmarkt einen Vorgesetzten, der sie als Eigentum ansieht und nicht gut behandelt. Sie sehnt sich danach auszubrechen aus der Gesellschaft, aus dem Gefängnis einer Frau in den 50er Jahren. Ihren ersten Auftritt in Gun Crazy hat sie bei der Vorführung auf dem Jahrmarkt. Sie ist in Hosen gekleidet, und präsentiert sich stark und unabhängig. Sie ist ein den Männern ebenbürtiger Gegner im Schießen, und weiß dies auch.

Das Paar, das sich durch die Leidenschaft für Waffen findet, mag nicht so wirklich in die Gesellschaft der 50er Jahre in den USA passen. Laurie holt sich von der Gesellschaft das zurück, was sie nie hatte, und zwar um jeden Preis: Unabhängigkeit und Freiheit in jeder Hinsicht, sei es sexuell, finanziell oder emotional. Bart hilft ihr dabei. Als ihre bewaffneten Überfälle immer mehr an die amerikanische Öffentlichkeit drängen, sind sie ein landesweit gesuchtes Paar. Bart und Laurie überschreiten mehrere Staatsgrenzen, fliehend vor dem Gesetz. Dabei kommen sie jedoch nicht aus den Vereinigten Staaten heraus. Sie drehen sich bei ihrer Flucht also gewissermaßen im Kreis, und sind gewissermaßen gefangen in einem System. In dem Wunsch gemeinsam das zu leben, was sie wirklich sind, stellen sie das familiäre Rollenbild der 50er Jahre komplett in Frage. Sie führen ein anarchistisches Leben ohne Kompromisse.

Vertiefend zu diesem Bruch mit der amerikanischen Gesellschaft verweist der Film auch ganz stark auf den freien Umgang mit Sexualität. Vom ersten Moment an, als sich Bart und Laurie sehen, herrscht zwischen ihnen diese sexuelle Spannung. Die beiden sehen sich, und befinden sich sogleich in einer Art von Rausch. Lauries Erregung und Ekstase bei jedem Überfall spricht für die rauschartige und irrationale Liebe zwischen den beiden Charakteren. Der Umgang mit Waffen scheint hier als Ersatz für Sex eingesetzt zu werden. Sex darf in den 50er Jahren im Film nicht gezeigt werden, erhält aber hier durch die Pistolen gewissermaßen eine Versinnbildlichung. Beispielhaft ist dies in einer Szene zu sehen, als Laurie sich über ihr langweiliges Leben beschwert, während sie nur in einem Morgenmantel bekleidet auf dem Bett sitzt und sich Strümpfe anzieht. Der bereits geschehene Geschlechtsverkehr zwischen den beiden Charakteren ist stark impliziert und verstärkt dadurch, dass Bart im vorderen Teil des Bildes damit beschäftigt ist, die Pistolen zu reinigen, dies mit stoßartigen Bewegungen im phallischen Sinne. Die Serie von Überfällen mit Waffen und deren Gewalt zensiert sozusagen das rauschende Sexualleben von Laurie und Bart, und lässt sich als Metapher dafür lesen.

Gun Crazy in Zusammenhang mit Dalton Trumbo als kommunistischen Film per se zu betrachten, scheint zu oberflächlich und plakativ. Gun Crazy zeigt jedoch ein sehr alternatives Lebenskonzept, das die kulturellen und sexuellen Ansichten der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre ins Wanken bringt. Das Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit der Hauptcharaktere kann mit bestehendem Hintergrundwissen auch auf das Bestreben nach Freiheit und Gleichheit der kommunistischen Idee reflektiert werden. Laurie ist den Männern im Schießen ebenbürtig, wenn nicht gar besser. Sozial und in einer von Männern dominierten Gesellschaft benachteiligt, strebt sie nach Gleichheit. So trägt sie auch bei einem kurzfristigen Job in einem Büro Hosen, und wird dafür von ihrer Vorgesetzten heftig kritisiert. Sie entspricht nicht den Konventionen des Frauenbildes damaliger Zeit.

Bart hingegen fühlt sich von dem Leben, das die beiden gewählt haben, vereinsamt. Immer wieder stellt er ihre Entscheidung für ihr freies Handeln in Frage, welches die beiden in der Gesellschaft der USA unfrei macht. So mag es nicht ganz verkehrt erscheinen, in Bart gewissermaßen auch ein Sprachrohr für eine enttäuschte Generation von Künstlern zu sehen. Sie sind enttäuscht, von der Freiheit, die Amerika so hoch anpreist, die ihnen jedoch von Hollywood selbst dann wieder in Form des Waldorf Statements genommen wird. Bart fühlt sich isoliert in dieser Einsamkeit. Er weiß, dass er seine Familie und seine Freunde nie um Hilfe bitten können wird, da er ein landesweit gesuchter Verbrecher ist. Die Freiheit, die er und Laurie sich genommen haben, wird also auch unausweichlich zu ihrem Gefängnis. Genauso ist Dalton Trumbo das Recht auf das Kundtun der eigenen Meinung in der amerikanischen Gesellschaft durch die Beschlüsse der HUAC und dem Waldorf Statement genommen worden. Er ist also in seinem Handeln und Schaffen genau so isoliert wie Bart.

Als die King Brüder (Frank King und Maurice King) den Film produzieren, sind sie daran interessiert, die Kosten für die Produktion möglichst gering zu halten. Trumbo gilt in den 40er Jahren als ein sehr beliebter Drehbuchautor. Um weiterhin etwas Geld in diesem Bereich verdienen zu können, unterstützt er den Schwarzmarkt in den USA kräftig. Trumbo sieht sein Ziel in der Aufhebung der Schwarzen Liste. Seine Strategie dabei ist eine enge Kooperation mit Hollywood unter der Verwendung von Pseudonymen oder Namen guter Freunde, die ebenfalls Drehbuchautoren sind. Durch die Verwendung von Namen guter Freunde, ist Trumbo nicht nur finanziell  abgesichert, sondern darüber hinaus sorgen die Namen seiner Freunde für mehr öffentliche Aufmerksamkeit der Filme. Trotz alledem verdienen Drehbuchautoren, die beim Schwarzmarkt arbeiten, weitaus weniger. Dies macht den Schwarzmarkt besonders für B-Produktionen sehr beliebt. Bevor Trumbo von der HUAC verhört worden war, verdiente er 75.000$USD pro Drehbuch. Am Schwarzmarkt sind seine Arbeiten allenfalls 3.700$USD wert, da er von der Öffentlichkeit nun nicht als einstellbar gilt. Die King Brüder gewinnen so allerdings einen sehr fähigen und finanziell leistbaren Autor. Auch offiziell hat Frank King erwähnt, sie hätten Trumbo aus genau diesen Gründen engagiert. Gun Crazy ist also der erste Film Trumbos, der unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.

Es ist anzunehmen, dass die Beteiligten von Gun Crazy sehr bewusst mit der subversiven Kritik an der damaligen Gesellschaft spielten. Lewis selbst führt auch Abänderung beim Drehbuch durch. Die  Darstellung von tabuisierter Sexualität zumindest ist sehr bewusst eingesetzt. Nicht zuletzt berichtet Lewis selbst die Regieanweisung gegeben zu haben, Bart habe die schmerzhafteste Erregung seit langer Zeit und Laurie sei eine läufige Hündin.

Es zeigt sich in Gun Crazy eine sehr unamerikanische Haltung gegenüber der amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre, wenn auch nicht direkt in kommunistischem Sinne. Gun Crazy ist ein Exempel dafür, wie Filme in den 50er Jahren zu einer metaphorischen Sprache finden, um den damaligen Production Codes zu entsprechen und einer Zensur zu entkommen. Nicht zuletzt verweist Gun Crazy in einer rauschartigen Dramaturgie auf den Wahn einer von Zwängen geprägten Gesellschaft.

Literatur

AMC Network Entertainment LLC, „Filmsite Movie Review. Gun Crazy (1949)“, http://www.filmsite.org/gunc.html, 2013, 22.12.2012

Aturo, Silvia, „Gun Crazy: cinematic amour fou.“, Film Criticism 33/1, 2008, Literature Resource Center,http://go.galegroup.com/ps/i.do?id=GALE%7CA194547865&v=2.1&u=43wien&it=r&p=LitRC&sw=w, 03.01.13, S. 1-24

Palmer, Tim, „Side of the angels: Dalton Trumbo, the Hollywood trade press, and the blacklist.“, Cinema Journal 44/4, 2005, Literature Resource Center, http://go.galegroup.com/ps/i.do?id=GALE%7CA160419066&v=2.1&u=43wien&it=r&p=LitRC&sw=w, 29.12.12, S. 57-74

Ruhmann, Lony, „Gun Crazy, „The accomplishment of many, many minds“ An Interview with Joseph H. Lewis“, The Velvet Light Trap – A Critical Journal of Film and Television 20, 1983, International Index to Performing Arts Full Text, http://search.proquest.com/docview/740768282?accountid=14682, 03.01.13, S. 16-21

Smith, Jeffery P, „A Good Business Proposition“: Dalton Trumbo, Spartacus, and the End of the Blacklist“, The Velvet Light Trap – A Critical Journal of Film and Television 23, 1989, International Index to Performing Arts Full Text, http://search.proquest.com/docview/740767391?accountid=14682, 04.01.13, S. 75-100

Autorin: Annina Weiss
Redaktion: Tobias Lechner

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